232  C.  Die  natlonale  Entwickelung  der  Städte.

eingereichten  Schriftstücken  über  ihre  Verluste  sich  abmühen,  hochdeutsche
Redensarten  anzubringen.

Seit  jener  Zeit  ist  keine  niederdeutsche  Urkunde  des  Rats  mehr
bekannt,  die  öffentliche  Angelegenheiten  der  Stadt  betrifft;  auch  der
Stadtschreiber  hat  sich  seit  1620  bereits  in  seinen  Privataufzeichnungen
dem  Hochdeutschen  zugewandt.  Von  Einfluß  auf  diesen  sich  dann  rasch
vollziehenden  Sprachwechsel  in  den  städtischen  Kanzleien  mag  auch  die
umdieselbe  Zeit  eintretende  Anderung  in  der  Kirchensprache  gewesen
sein,  die  gerade  in  Schleswig  von  dem  herzoglichen  Hofe  besonders
gefördert  werden  mußte.  Es  wird  glaubhaft  überliefert,  daß  Martin
Pleccius,  geboren  zu  Wilsnak  im  Brandenburgischen,  1548  Rektor
und  Schloßprediger  in  Hadersleben  und  von  1594  bis  1605  Hauptpastor
  am  Dom,  niederdeutsch  gepredigt  habe,  und  seinem  Beispiele
sei  auch  Georg  Rosa,  ein  geborener  Hamburger,  bis  1613  gefolgt.
Zur  alleinigen  ausschließlichen  Geltung  gelangte  die  hochdeutsche  Sprache
erst  mit  der  Ernennung  des  Rostocker  Professors  Christ.  Sledanus,  der
von  1614  bis  1646  am  Dome  als  Hauptpastor  seines  Amtes  waltete,
wegen  seiner  Extravaganzen  von  Rat  und  Bürgerschaft  nicht  weniger
wie  von  seinen  Vorgesetzten  gefürchtet.

Während  wir  demgemäß  im  Dome  neben  lateinischen  fortan  nur
hochdeutsche  Inschriften  finden,  bietet  uns  die  Kirche  des  St.  Johannisklosters
  noch  zwei  niederdeutsche  Inschriften  aus  den  Jahren  1621  und
1626,  wohl  die  letzten,  die  in  der  Stadt  Schleswig  in  dieser  Sprache
abgefaßt  sind;  sie  beziehen  sich  beide  auf  adelige  Jungfern,  auf  Catharina
  van  der  Wischen,  Wulf  van  der  Wische  weiland  thom  Fresenhagen
  erfgeseten  dochter  (71621,  Juli  18,  63  Jahre  alt),  und  auf
Magdalena  Mangelsen,  des  edlen  und  ehrentfesten  Pawl  Mangelsen,
weiland  erfgeseten  tho  Gochballich  garden  nagelatene  eheliche  dochter
(1626,  Juni  28,  87  Jahre  alt).  Die  Inschriften  lassen  einen  Rückschluß
  zu  auf  die  damalige  Sprache  der  Konventualen  und  ihrer  Familien.

Die  Einführung  des  Hochdeutschen  als  Amtssprache  hatte  selbstredend
  durchaus  keinen  Einfluß  auf  die  Sprache  des  täglichen  Lebens,
selbst  nicht  in  den  gebildeten  Kreisen,  am  allerwenigsten  in  der
Bürgerschaft  und  bei  den  Zünften,  wenn  auch  deren  Rollen  alle
seit  dem  Jahre  1635  in  hochdeutscher  Sprache  neu  abgefaßt  waren.
Wir  haben  sichere  Zeugnisse  dafür,  daß  die  niederdeutsche  Sprache