254  C.  Die  nationale  Entwickelung  der  Städte.

man  auch,  daß  es  völlig  zur  Volkssprache  geworden  war.  Um  nur
ein  Beispiel  anzuführen,  so  lauten  einige  Artikel  aus  der  Beliebung
der  „Lücke-Bröders“  v.  J.  1587:

Idt  hebben  de  Löckebroders  mit  einander  belewet,  dat  een  jeder  syner
lucke  dyke  schall  ferdich  hebben  des  sondages  vor  alle  Gadesbilligen,  damit
  dat  korn  von  perden  edder  anderem  vehe  nicht  thotreden  ock  darnha
stedes  ferdich  holden,  alldewile  korbe  in  den  lucken  est  .  ..

Idt  schollen  de  Löckebroders  myt  rath  undt  vulbort  der  gantzen  broderschopp
  einen  oldermann  erwelen,  de  den  andern  medebrodern,  wenn  und
wor  von  nöden  iß.  tho  seggen  schall  umme  de  lucke  to  gahn,  upsehent
und  achtinge  up  de  dycko  hebben,  damit  alles  recht  ordentlick  tho  ghan
möge,  up  dat  nemande  schaden  geschehe.  IBt  awerst,  dat  jemand  vorsümlick
  befunden  wert,  und  wenn  he  angesecht  ahne  orsake  uthblifft,  de  schall
dubbelde  hröke  gewen.

Auch  als  das  Niederdeutsche  durch  die  Einführung  der  hochdeutschen
  Amtssprache  zu  einer  bloßen  Mundart  herabgedrückt  ward,
konnte  es  durch  das  Westjütische  der  ländlichen  Umgebung  nicht  mehr,
wie  es  in  Apenrade  und  Hadersleben  geschah,  wieder  aufgesogen  werden.
Aber  die  Zeit,  wo  Niederdeutsch  und  Jütisch  als  Mundarten  der  hochdeutschen
  Amtssprache  gegenüberstanden,  hat  noch  mehr  zu  der  eigenartigen
  Sprachentwickelung  Flensburgs  beigetragen,  die  bereits,  wie
oben  bemerkt,  zur  Reformationszeit  eine  gewisse  Berühmtheit  erlangt
hatte.  Alle  Redewendungen,  die  das  Niederdeutsche  aus  dem  Jütischen
aufgenommen  hatte  oder  noch  aufnahm,  gingen  auch  allmählich  auf
das  Hochdeutsche  über,  soweit  dieses  im  Munde  des  Volkes  war.  Daher
bemerkt  Danckwerth  um  1650,  in  Flensburg  seien  Dänen  und  Deutsche
„untermenget“  und  das  Flensburger  Deutsch  und  Dänisch  eines  so  gut
wie  das  andere,  „diejenigen  Personen  ausgenommen,  so  gestudieret
oder  gereiset“  hätten.  Und  so  tönt  die  Klage  weiter  bis  in  die
neueste  Zeit  hinein.  Nach  Ole  Borch  können  die  Flensburger  weder
das  Dänische  noch  das  Deutsche  rein  sprechen;  er  hält  es  für  eine  Art
Sprachgemisch,  wie  es  an  den  Grenzen  verschiedener  Völker  gewöhnlich
sei.  Auch  der  berühmte  Flensburger  Rektor  Johannes  Moller  (1691)
ein  großer  Verehrer  des  Niederdeutschen,  der  dessen  Zurückdrängen
durch  das  Hochdeutsche  schmerzlich  empfand,  muß  gestehen,  seine  Landsleute
  nicht  ganz  von  diesem  Vorwurf  freisprechen  zu  können;  er  sucht
es  aber  mit  der  Bemerkung  etwas  zu  entschuldigen,  daß  es  den  Hufu-