258  C.  Die  nationale  Entwickelung  der  Städte.

feldts  Erinnerungen  die  gewöhnliche  Begründung.  Wenn  nun  Jörgensen
in  der  „dänischen  Reichsgeschichte“  bemerkt,  Flensburg  sei  um  1848
eine  überwiegend  (platt)  deutsch  redende  Stadt  gewesen,  so  ist  das  nach
Hansens  Ausdruck  ebenso  zutreffend  oder  nicht  zutreffend,  wie  wenn
man  sagen  wollte,  Kopenhagen  sei  zu  jener  Zeit  gewesen  oder  sei  noch
heute  eine  überwiegend  dänisch  redende  Stadt.

Die  Zeit  von  1850  —  1864  hat  auf  die  Volkssprache  Flensburgs
keinen  nachhaltigen  Einfluß  ausgeübt;  wußte  doch  die  Stadt,  ebenso
wie  früher,  sich  der  dänischen  Sprachreskripte  möglichst  zu  erwehren.
Die  statistischen  Angaben  über  die  Sprachverhältnisse  dieser  Zeit  sind
freilich  nicht  so  zuverlässig,  wie  es  wünschenswert  wäre.  Am  genauesten
scheint  die  Angabe  von  Holdt  zu  sein,  wonach  die  Zahl  der  der  „freien
dänischen  Gemeinde“  angehörenden  Familien  1863  mit  Einschluß  des
Militärs  rund  600,  ohne  dieses  520  und  die  Zahl  der  die  dänische
Bürgerschule  damals  besuchenden  Kinder  gegen  450  gewesen  sei.  1)  Der
Umschwung  der  politischen  Verhältnisse  seit  dem  Jahre  1864  hat  auf
die  weitere  sprachliche  Entwickelung  Flensburgs  in  bedeutendem  Maße
eingewirkt;  die  freie  dänische  Gemeinde  und  die  dänische  Bürgerschule
gingen  ein,  die  meisten  dänisch  redenden  Beamten  verließen  die  Stadt,
und  damit  nahm  auch  die  Zahl  der  dänisch  redenden  Einwohner  ab.
Und  wenn  auch  infolge  des  gewerblichen  Aufschwungs  der  stark  an
Bevölkerung  anwachsenden  Handelsstadt  durch  Zuzug  aus  der  jütisch
redenden  Umgebung  die  „dänische“  Sprache  eine  gewisse  Stärkung
erhält,  da  die  Arbeiter  nicht  wie  früher  ihre  Volkssprache  zugunsten
des  Flensburger  Plattdeutsch  aufzugeben  pflegen,  wie  es  besonders  im
Norden  der  Stadt  in  der  Nähe  der  Schiffswerften  hervortritt,  so  ist
dieses  für  eine  Stadt  wie  Flensburg  mit  ihren  60  000  Einwohnern  in
nationaler  und  sprachlicher  Beziehung  ohne  jegliche  Bedeutung.  Von
der  amtlichen  Zählung  abgesehen,  die  i.  J.  1900  für  den  Stadtkreis

1)  Vergl.  Adler  a.  a.  O.  44,  der  über  die  statistischen  Aufnahmen  nähere
Mitteilung  macht;  er  selbst  schätzt  um  1889  in  Flensburg  die  „dänisch“  redenden
Einwohner,  d.  h.  solche  mit  däuischer  Familiensprache  auf  rund  1000.  Holdt
354  ff.  Welche  Wandlung  in  der  Gesinmng  vor  sich  gegangen  ist  von  1867  an,
ersieht  man  aus  der  Tatsache,  daß  1867  53  %  dänische  und  47%  deutsche
Stimmen,  1808  nur  7%  däuische  und  41,5%  deutsche  und  48.5%  sozialdemokratische
  Stimmen  bei  den  Reichstagswahlen  abgegeben  wurden.