286  C.  Die  nationale  Entwickelung  der  Städte.

neben  dem  Lateinischen  niederdeutsch  anwandte  und  evangelische  Predigt
  im  16.  Jahrhundert  nur  in  niederdeutscher  Rede  ertönte.  Auch
sonst  läßt  sich  noch  der  Einfluß  der  niederdeutschen  Zeit  in  einigen
Spuren  erkennen.  Wir  finden  hier  die  Papagoiengilde  wieder,  die
eine  Fortsetzung  der  älteren  Knutsgilde  bildete  und  den  beiden  Straßen
wegen  der  Nähe  des  papagoienbooms  ihren  Namen  verliehen  hat;
wir  kennen  aus  einer  kurzen  Bemerkung  der  Stadtrechnung  v.  J.  1629
den  Roland  auf  dem  kaak,  der  nach  einer  Beschreibung  eines  englischen
  Reisenden  v.  J.  1797  „gleich  beim  Eintritt  in  die  Stadt  von
Süden  her  für  den  Ankommenden  gleichsam  in  terrorem  errichtet"
war.1!)  Auffälligerweise  ist  freilich  in  der  Erinnerung  der  Bevölkerung
nicht  die  geringste  Kunde  davon  geblieben,  daß  Hadersleben  noch  so
spät  zu  den  Nolandsstädten  gehörte;  die  Figur  muß  bereits  im  Anfang
des  vorigen  Jahrhunderts  entfernt  worden  sein.  Erhalten  hat  sich
auch  noch  die  Benennung  kKlingenberg  (von  niederd.  klinge  Quelle),
der  in  niederdeutschen  Städten  so  oft  wiederkehrt;  selbst  das  frühere
südliche  Tor  in  der  Nähe  der  Apotheke  wird  noch  im  18.  Jahrhundert
mitten  unter  lauter  dänischen  Straßenbenennungen  dat  hooge  door
genannt.  So  sind  wohl  einige  Benennungen  aus  der  niederdeutschen
Periode  haften  geblieben,  aber  eine  ganze  Reihe  niederdeutscher  bezeichnender
  Wörter,  die  noch  im  17.  Jahrhundert  in  jedermanns  Munde
gewesen  sein  müssen,  wie  spiltun  am  Naff.  Befriedigung  aus  spitzen
Pfählen,  skolant,  Schinder  und  Abdecker  u.  a.  sind  mit  der  Sache
wieder  verloren  gegangen;  im  ganzen  gewinnt  man  den  Eindruck,  daß
das  Niederdeutsche  als  Amtssprache  und  Sprache  der  Gebildeten  nicht
in  demselben  Maße  auf  die  Volkssprache  dauernd  eingewirkt  hat  wie
3.  B.  ins  Flensburg.  Abgesehen  von  dem  Catzund  (1542),  über  dessen
Bedeutung  schon  oben  bei  Schleswig  gehandelt  ist,  würden  sich  sonst
kaum  erhalten  oder  neugebildet  haben  Namen  wie  Badstowengade
(1635,  1788),  Gammelting  (1615),  Revekier,  Goskier  (1595).  ein  aus
dem  früheren  Arm  der  Föhrde  allmählich  entstandener  großer  Fischteich,
der  noch  im  17.  Jahrhundert  den  Stadtgänsen  zum  Schwimmplatz
diente;  ferner  späte  Bezeichnungen  wie  Lorgade,  am  Nathause  vor-1)

  M.  Stevens:  Stkizze  einer  Reise  durch  Schleswig  und  Holstein.  Schleswigholst.
  Vaterlandskunde.  Stück  2.