302  C.  Die  nationale  Entwickelung  der  Städte.

Vornehmeren  bedienten.  Das  Niederdeutsche  war  demnach  damals
durchaus  nicht  tot  und  in  der  Volkssprache  abgestorben;  aber  begreiflicherweise
  ward  es  von  fremden  Berichterstattern  wenig  beachtet
und  mit  dem  Hochdeutschen  unter  den  Begriff  deutsch  zusammengeworfen.
Demnach  werden  der  Amtmann  und  der  Proyst  nicht  so  uurecht  gehabt
  haben,  wenn  sie  um  1739  versichern,  daß  die  meisten  Einwohner
zwar  der  teutschen  (hoch=  und  niederdeutschen)  Sprache  mächtig  seien;
gleichwohl  würden  „um  derer  Dänen  willen“,  wöchentlich  nur  zwei
teutsche,  hingegen  drei  dänische  Predigten  gehalten;  auch  seien  nicht
allein  alle  3  Stadtprediger,  sondern  auch  die  meisten  Schulhalter  an
der  Trivialschule  beider  Sprachen  mächtig.

Unter  diesen  Umständen  in  Hadersleben  zu  jener  Zeit  die  „Muttersprache“
  irgend  eines  festzustellen,  mußte  eine  schwierige  Aufgabe  sein:
Der  gemeine  Mann  und  die  Bürgerschaft  redeten  entweder  plattdeutsch
oder  ein  Dänisch,  das  doch  kein  Dänisch  war,  d.  h.  die  jütische  Mundart,
  und  ließen  dabei  ihre  Kinder  in  der  Schule  nichts  als  Hochdeutsch
lernen,  das  sie  später  im  gewöhnlichen  Leben  nicht  weiter  übten,  nur
in  der  Kirche  hörten  oder  in  Gesangbuch  und  Bibel  lesen  konnten.
Der  Rektor  der  lateinischen  Schule,  Wiegmann,  der  eine  Reihe  von
Jahren  als  Hauslehrer  in  Jütland  bei  einem  Herrn  von  Arenstorf
geweilt  hatte,  auch  als  geborener  Braunschweiger  Plattdeutsch  und
Hochdeutsch  unterscheiden  konnte,  erklärt  denn  auch  im  Jahre  1774
ganz  offen,  er  wisse  nicht,  was  er  bei  seinen  Haderslebenern  die
Muttersprache  nennen  solle,  deutsch  oder  dänisch;  ein  großes  Hindernis
in  beiden  Sprachen  sei  es  für  manchen,  daß  eine  andere  Sprache  in
der  Schule,  eine  andere  zu  Hause  geredet  werde,  und  zwischen  beiden
doch  eine  große  Ahnlichkeit  in  Wörtern  und  Wortfügungen  bestehe,
die  eine  nicht  geringe  Verwirrung  verursache:  er  wolle  hier  unter  der
Muttersprache  die  verstehen,  die  in  der  Schule  die  herrschende  sei,
d.  h.  die  hochdeutsche.  Seine  Anschauung  hat  nur  dann  einen  Sinn,  wenn
man  festhält,  daß  er  unter  „deutsch“  „niederdeutsch“,  unter  „dänisch“
die  jütische  Volkssprache  versteht.  Mit  den  Schwierigkeiten,  denen  der
gelehrte  Mann  beim  Unterricht  an  der  lateinischen  Schule  begeguete,
hatte  noch  in  weit  höherem  Maße  der  Schreib=  und  Rechenmeister  der
alten  „deutschen“  Schule  des  Herzogs  Haus  zu  kämpfen.  Die  amtlichen
  Bemerkungen  des  Rechenmeisters  Claußen  Fehr  vom  Jahre  1798