V.  Die  Stadt  Hadersleben.  303

über  den  Zustand  seiner  Schule  und  seine  Unterrichtsweise  werfen  zugleich
  ein  helleres  Licht  auf  die  damaligen  Sprachverhältnisse  in  der
Bürgerschaft.  Gewöhnlich,  schreibt  er,  könuten  die  Schüler,  wenn  sie
mit  dem  8.  oder  9.  Jahre  in  seine  Schule  kämen,  nur  mäßig  lesen,
wohl  aber  Luthers  Kl.  Katechismus  und  ein  ganzes  Evangelium
(freilich  auch  nur  gebrochen)  hersagen,  ohne  auch  nur  ein  Wort  davon
zu  verstehen,  und  dann  glaubten  manche  Eltern,  daß  ihr  Kind  schon
sehr  weit  sei.  Zu  den  Lehrübungen  bemerkt  er,  soviel  die  Zeit  es
erlaube,  mache  er  den  Schülern  unbekaunte  Wörter  und  Redensarten
in  aller  Kürze  verständlich  oder  lasse  sich  von  ihnen  auf  dänisch  sagen,
was  sie  dabei  dächten;  auch  sage  er  einzelne  Wörter  und  ganze  Sätze
auf  deutsch  oder  dänisch  vor  und  lasse  sie  von  den  Schülern  ins  Dänische
oder  Deutsche  übersetzen.  Solche  Ubungen  seien  notwendig,  um  den
Schülern  die  deutsche  Sprache  verständlich  zu  machen  und  beizubringen,
da  bekanntlich  fast  in  allen  bürgerlichen  Häusern  „dänisch“  gesprochen
werde.  Da  der  Schreib=  und  Rechenmeister  nur  hochdeutsch  unterrichtete,
  muß  man  aus  seinen  Bemerkungen  schließen,  daß  das  Niederdeutsche
  mehr  und  mehr  zurückgegangen  war  und  die  jütische  Mundart
  in  der  Bürgerschaft  ganz  überwiegend  geübt  ward.

Die  Wirkung  dieses  ausschließlichen  hochdeutschen  Schulunterrichts
auf  die  eigentliche  Volkssprache  schätzten  die  Schulmänner  jener  Zeit
mit  Recht  nur  sehr  gering  ein;  ja  sie  sprachen  geradezu  dem  Hochdeutschen
  die  Fähigkeit  ab,  zu  einer  Volkssprache  zu  werden;  einzelne
Stimmen  heben  auch  noch  hervor,  daß  durch  das  Hochdeutsche  das
Niederdeutsche  zurückgedrängt  werde  und  nur  durch  Einwanderung  von
Handwerkern  eine  kleine  Stärkung  empfange;  in  der  Regel  aber  seien
diese  bald  genötigt,  das  herrschende  „verwilderte  Dänisch“  zu  erlernen.
Hadersleben  war  als  kleine  Landstadt  damals  ohne  besonderen  Seeverkehr;
  seit  dem  Aufhören  der  Hofhaltung  und  der  Zerstörung  der
Hansburg  (1644)  auf  einigen  Ackerbau  und  auf  den  Verdienst  von
durchreisenden  Fremden  nach  Assens  angewiesen  ),  ernährte  es  in  dem

1)  In  dem  Vernonschen  Bericht  v.  J.  1702  wird  die  Stadt  „ein  Ort  mit
ungefähr  100  Häusern  genannt;  ihre  Lage  an  einem  Meerbusen  sowie  die  Passage
nach  Assens  mache,  daß  sie  besser  bewohnt  und  wohlhabender  sei  als  die  jütländischen
  Städte".  Uber  die  üble  Lage  der  Stadt  um  1790  ff.  gibt  ein  ortskundiger
  Berichterstatter  (Provinzialber.  1792  V.  182ff.)  eine  klägliche  Schilderung.