V.  Die  Stadt  Hadersleben.  305

lichen  Lauf  gehen  lasse“.  Der  seit  dem  Jahre  1838  gestörte  Sprachfriede
  sei  aus  einem  unglücklichen  Bestreben  hervorgegangen,  den  natürlichen
  Lauf  der  Dinge  zu  hemmen;  —  mit  einer  Sprache  könne  man
in  Hadersleben  nicht  ausreichen,  und  wer  hierzu  aus  Unkunde  oder
aus  Geringschätzung  gezwungen  sei,  der  werde  sehr  bald  daran  erinnert
  werden,  in  welche  bürgerliche  und  konventionelle,  oft  sehr  drückende
Verlegenheiten  er  geraten  könne.  —  Daß  die  (hoch)beutsche  Sprache
vorzugsweise  die  Sprache  der  Intelligenz  habe  werden  müssen,  finde
in  den  staatsrechtlichen  Verhältnissen  seinen  zureichenden  Grund;  in
allen  Klassen  der  Einwohner  sei  das  Bestreben  unverkennbar,  wie  sehr
jeder  sich  bemühe,  sich  die  ihm  weniger  geläufige  Sprache  anzueignen;
so  seien  alle  in  neuerer  Zeit  so  oft  wiederholten  Jeremiaden  über
Sprachunterdrückung  in  Hadersleben  ebenso  viele  Beweise  von  der  gänzlichen
  Unbekanntschaft  mit  den  hiesigen  Verhältnissen.  Man  sieht  daraus,
wie  sich  trotz  des  beginnenden  Sprachkampfes  die  Sprachverhältnisse
in  Hadersleben  bis  zum  Jahre  1848  nicht  in  ungünstiger  Weise  entwickeln
  mußten.  Nach  zuverlässigen  Zeugnissen  ward  damals  noch  vereinzelt
  von  geborenen  Haderslebenern  und  von  einwandernden  Handwerkern,
  die  als  Tischler,  Schmiede  usw.  sich  hier  niederließen,  auch
vielfach  plattdeutsch  gesprochen.  Es  gab  auch  manche,  die  in  der  Tat,
wie  der  Bericht  v.  J.  1811  sagt,  halb  jütisch,  halb  plattdeutsch  redeten
und  beide  Mundarten  durcheinander  warfen.  Die  weitere  natürliche
  Entwickelung  ward  durch  das  straffe  dänische  Regiment  mit  seinem
Sprachreskript  von  1851  unterbrochen;  aber  trotz  Auswanderung  zahlreicher
  Deutscher  und  Einwanderung  bedeutender  national-dänischer
Elemente,  trotz  der  Einführung  der  dänischen  Sprache  in  Kirche,  Schule,
Verwaltung  und  Gericht  konnten  noch  die  Vertreter  des  Minoritätsvotums
  im  Jahre  1854  das  Zeugnis  abgeben,  daß  in  Hadersleben
die  meisten  Einwohner  infolge  des  Schulunterrichts  bis  zum  Jahre  1850
der  hochdeutschen  Sprache  kundig  seien  und  in  vielen  angesehenen  Familien
  Hochdeutsch  Umgangs=  und  Familiensprache  sei.  Seit  dem  Umschwung
  vom  Jahre  1864  hat  das  Hochdeutsche  infolge  der  Amts-,
Kirchen=  und  Schulsprache  begonnen  allmählich  denselben  Platz  wieder
einzunehmen,  den  das  Niederdeutsche  bereits  um  1600  gewonnen,  aber
nach  und  nach  wieder  verloren  hatte.  Dessen  Kenntnis  hatte  sich  während
der  dänischen  Zeit  weniger  in  der  Stadt  als  auf  dem  Lande  nur  bei
Sach,  Tas  Herzogtum  Schleswig.  III.  20