310  C.  Die  nationale  Entwickelung  der  Städte.

ist,  insofern  sie  zuerst  und  am  frühesten  neben  der  Volksmundart  die
niederdeutsche  Sprache  in  Verwaltung,  Gericht  u.  a.  allein  als  Amtssprache
  brauchte.  Von  allem  niedersächsischen  Wesen  sind  uns  indes
aus  dem  Mittelalter  nur  zwei,  aber  bedeutsame  Denkmäler  erhalten:
in  dem  Roland,  der,  wie  in  Eckernförde,  Schleswig,  Flensburg,  Hadersleben,
  etwa  bis  in  den  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  auf
dem  kaak,  einer  mehr  als  10  m  hohen  Säule,  auf  dem  kleinen  Marktplatz
  stand  1),  und  in  der  Papagoiengilde,  an  die  noch  Papagoienland
und  -weg  (1573),  wo  man  den  grünen  Vogel  von  der  Stange  schoß,
erinnert.:)  Diesem  früher  niederdeutschen  Wesen  gemäß  ist  in  Tondern
  von  einer  Knutsgilde,  die  überall  in  den  östlichen  Städten,  ihrem
älteren  Volkstum  entsprechend,  auftritt,  nicht  die  geringste  Spur  zu
erkennen.  Die  Namen  der  Straßen,  von  denen  aus  mittelalterlicher
Zeit  fast  keiner  überliefert  ist,  folgen  in  den  späteren  Urkunden  immer
deren  Sprache;  in  niederdeutschen  erscheint  nirgend  die  Form  gade,
überall  nur  -  strat,  das  dann  im  Hochdeutschen  die  Form  ·  straßs  und
in  dänischen  Beschreibungen  die  Form  -  strede  annimmt.  Am  längsten
erhielt  sich  auch  amtlich  die  noch  jetzt  gebräuchliche  niederdeutsche  Benennung
  Spikerstrabe,  auch  Peperstraße  kommt  seit  lange  vor.  Der
Volksmund  hielt  wohl  auch  noch  Smecestrat,  Slotstrat  u.  a.  fest.
Namen,  die  für  die  östlichen  Städte  so  bedeutsam  sind  und  meist  aus
der  jütischen  Zeit  stammen,  kommen  bezeichnenderweise  in  einer  Stadt,
wo  der  Tondera-Holsatus  herrschte,  nicht  vor.

Über  die  Amtssprache  der  Stadt  zur  Zeit  des  Übergangs  vom
Niederdeutschen  zum  Hochdeutschen  erhalten  wir  aus  einer  Reihe  urkundlicher
  Überlieserungen  genauere  Auskunft.  Bürgermeister  und  Rat
folgen  ebensowenig  wie  die  anderen  Städte  dem  Beispiel  der  landes-1)

  Die  jetzt  im  Thaulow-Museum  in  Kiel  aufbewahrte  Figur  beweist,
daß  sie  noch  in  der  Perückenzeit  des  18.  Jahrhunderts  auf  Kosten  der  Stadt
wieder  erneuert  worden  ist.  Sie  stand  wenigstens  noch  1781  auf  dem  kaak.
Dansk.  Atl.  VII.  257.  Carstens  92  macht  aus  dem  Roland  einen  Scharfrichter.

2)  Das  ist  ohne  Zweisel  die  tondernsche  Gilde,  deren  alte  Satzung  v.  J.
1546  noch  erhalten  ist.  Stat.  M.  II.  836.  N.  St.  M.  VIII.  692.  Ubrigens  sind,
wie  in  Apenrade  und  Hadersleben,  alle  älteren  niederdeutschen  Zunftrollen  vor
1536  verschwunden.  Die  Auszeichnungen  der  Alterleute  z.  B.  der  Tischler  waren.
so  viel  man  weiß,  noch  zum  Teil  niederdeutsch,  ihre  Rolle  v.  J.  1670  aber
hochdentsch.