VI.  Die  Stadt  Tondern.  313

„er  muchte  sich  der  hochdeutschen  Sprache,  ßo  er  iu  seiner  Predigt  eine
Zeit  hero  geübet,  enthalten  und  darkegen  die  Sachsische  Sprache  wiederumb,  wie
zuvor  üblig  gewesen,  gebrauchen,  daauf  er  bestellet  und  angenomben,  die  gemeine
  gewohnet  und  verstehen  können,  aber  Er  sich  erkleret,  daß,  wau  ihm  solch
begehr  und  furderung  schrifllich  mittgetheilet,  wolte  er  sich  nach  gebühr  darinn
schicken;  alß  ist  hiemit  Bürgermeisters,  Rhats  und  anwehsende  16  bürger  wegen
der  ganzen  Gemeine  einhellige  Meinung  und  begehr,  daß  H.  Richard  seine  deutsche
Predigt,  wie  allwege  vor  und  bey  seiner  Zeit  der  Gebrauch  allhier  gewesen,  in
sachsischer  alß  dieser  einfeltigen  Gemeinde  verstentliche  Sprache  vorrichten,  damitt  die
arme  Gemeinde  die  Predigt  des  göttlichen  wordes  mit  Nuth  hören  und  vorstehen
können  und  als  hirinn  vornehmlich  und  vor  allen  Dingen  Gottes  Ehre  und  lob
und  seiner  Anbesohlenen  Zuhörr  Heill  und  Wollfarth  befurdert  werden  muege
und  das  dieses,  so  aus  guter  Wolmeinung  gesucht,  muege  gleichsalls  gütlich
angenommen  und  im  besten  betrachtet  werden,  seint  dackegen  in  alle  schuldigen
Gebühr  und  Wohlgeneigten  Wilfahrung  erböttigh.“

Der  Diakonus  kehrte  damit  zu  der  herkömmlichen  Weise  zurück.
Sein  Nachfolger  Laurentius  Widing  (1634—  1664)  sowie  der  Hauptpastor
  Bernhard  Mauritius  (1634—  1652)  müssen  ebenso  gepredigt
haben,  da  sie  plattdeutsche  Ratserlasse  von  den  Kanzeln  verlasen.  Weil
die  Bürgerschaft  ihren  Widerspruch  sicherlich  nicht  sobald  aufgegeben  hat,
dürften  wenigstens  zwei  Jahrzehnte  vergangen  sein,  ehe  die  Geistlichen
den  Wechsel  der  Kanzelsprache  durchsetzten.  1)  Jedenfalls  haben  die
beiden  gelehrten  Geistlichen,  der  Diakonus  Johannes  Lundius  (1664
bis  1685)  und  der  Hauptpastor  und  Propst  Stephan  Kenkel  (1652
bis  1691),  schon  vor  dem  Erscheinen  des  hochdeutschen  Kirchenbuches
von  Olearius  (1665)  hochdeutsch  gepredigt.

War  demnach  um  die  Jahre  1650  —  1660  die  niederdeutsche
Sprache  auch  in  der  Kirche  vor  dem  Hochdeutschen  verstummt,  so  hielt
sie  sich  doch  um  so  länger  im  Volksmunde,  als  sie  durch  jahrhundertelangen
  Gebrauch,  auch  durch  die  Handelsbeziehungen  nach  Süden  gefördert,
  einen  festen  Platz  sich  in  Tondern  erobert  hatte.  Freilich  ein
Rückgang  mußte  allmählich  erfolgen,  seitdem  auch  das  Amthaus  sowie
das  Volksgericht  der  Harde,  wenig  später,  wie  wir  unten  sehen

1)  In  der  damaligen  tondernschen  Rektorschule  ist  sicherlich  auch  dem
Begehren  der  Bürgerschaft  gemäß  niederdeutsch  neben  dem  Lateinischen  gefprochen
worden,  wenn  auch  der  Rektor  Andreas  Ambders  oder  Amderus  bereits  1634
„die  Tunderische  unsterbliche  Sterbligkeit“"  in  Schleswig  drucken  ließ.  Moller
Isagoge  I.  357;  Cimbr.  litter.  I.  17.