314  C.  Dic  nationale  Entwickelung  der  Städte.

werden,  das  Hochdeutsche  angenommen  hatte.  Die  Nachrichten  aus
den  folgenden  Jahrhunderten,  die  nirgends  von  einem  besonderen
friesischen  Volkstum  in  Tondern  etwas  wissen,  kennen  allein  Deutsch
und  Dänisch  und  scheiden  dabei  nur  selten  die  Mundarten  scharf  von
den  beiden  Literatursprachen.  So  redete  man  1758  nach  Flors  Bericht
nicht  mehr  friesisch,  sondern  (platt)deutsch,  noch  mehr  dänisch  d.  h.  jütisch
untereinander;  die  Einwohner  sprachen  beide  Sprachen,  das  „Dänische“
aber  war  „nach  der  Kenner  Urteil  und  Geschmack  nur  schlecht  und
ziemlich  verdorben“.  1)  Auch  1770  wird  nach  Hansen  in  Tondern
niederdeutsch,  hochdeutsch  und  jütisch  gesprochen.:)  In  gleichem  Sinne
schreibt  1781  ein  kundiger,  heimischer  Berichterstatter:  „In  Tondern
spricht  man  nun  nicht  mehr  friesisch,  wie  es  früher  geschehen  sein  soll.
sondern  allein  (nieder)  deutsch  und  dänisch  (jütische  Mundart);  die  meisten
Einwohner  sprechen  beide  Sprachen,  doch  so,  daß  keine  von  beiden
viel  taugt.  Jedoch  in  Kirche  und  Schule  für  die  deutsche  Gemeinde
und  Jugend  wird  Hochdeutsch  gelehrt,  für  die  dänische  Gemeinde,  die
ziemlich  zahlreich  ist,  rein  Dänisch.“s)  Ahnlich  äußert  sich  auch  Tetens
im  Jahre  1788,  aber  ohne  rechtes  Verständnis  für  eine  Mundart,  wenn
er  sagt:  „In  der  Stadt  spricht  das  gemeine  Volk  ein  Gemisch  von
friesisch,  dänisch  und  deutsch,  was  ein  Deutscher  gar  nicht,  eine  Däne
nur  mit  Mühe  versteht“.  )  Es  scheint  aber,  als  wenn  schon  damals
durch  den  Einfluß  der  jütischen  Umgebung  das  durch  die  Amtssprache
längst  nicht  mehr  unterstützte  Niederdentsche  stark  gegen  das  Jütische
zurückgetreten  ist.  Der  Propst  Balthasar  Pctersen  spricht  deswegen
wohl  auch  1786  von  einem  „dänischen  Ort“,  wo  die  Seminaristen
sich,  bezeichnenderweise  nicht  im  Verkehr  mit  den  Bürgern,  sondern  durch
den  Besuch  der  Frühpredigten  in  der  dänischen  Sprache  üben  könnten.
Im  Jahre  1814  kannten  Bürgermeister  und  Rat  in  ihrem  Bedenken
an  die  Regierung  anscheinend  gar  kein  Niederdeutsch  mehr  in  Tondern;
sie  nennen  die  Sprache  der  Gebildeteren  Hochdeutsch,  die  Volkssprache
dagegen  ein  korrumpiertes  Dänisch,  ein  Gemisch  aus  dem  Dänischen,
Deutschen  und  zum  Teil  aus  dem  Friesischen.  Auch  die  folgenden

1)  Provinzialber.  1790.  I.  131.

2)  liber  Hansens  A#ußerungen  siehe  oben  S.  209.
3)  Dansk.  Atlas  VII.  276.

4)  Tetens:  Reise  in  die  Marschländer  1788.  I.  132.