VI.  Die  Stadt  Tondern.  315

Zeugnisse  setzen  ein  steigendes  Überwuchern  das  Jütischen  neben  dem
Hochdeutschen  voraus.  Wohl  etwas  übertreibend,  spricht  der  Propst
Ahlmann  (1835)  von  einem  nicht  geringen  Teil  der  Bevölkerung,  der
nur  der  „dänischen“  Sprache  kundig  sei,  und  im  gleichen  Jahre  suchte
ein  Lehrer  der  Meldorfer  gelehrten  Schule  die  Errichtung  eines  eigenen
Schullehrerseminars  in  Holstein  mit  der  Bemerkung  zu  begründen,  das
dem  Holsteiner  ganz  fremde  Tondern  zwinge  viele  (holsteinische  Seminaristen)
  im  Verkehr  mit  den  Hauswirten  sich  der  Dolmetscher  zu  bedienen.
Auch  Jensen  1)  nennt  die  dänische  (jütische)  Sprache  um  das  Jahr  1840
im  täglichen  Leben  vorherrschend.  Tondern  war  in  der  ersten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  ebenso  wie  früher  eine  zweisprachige  Stadt,  aber
neben  der  jütischen  Mundart  stand  nicht  sowohl  das  Niederdeutsche
als  das  Hochdeutsche,  das  seit  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  in
Kirche,  Gericht,  Verwaltung  und  zuletzt  auch  in  der  Schule  herrschte:
sie  war  aber  trotz  dieses  sprachlichen  Wandels  ihrer  ganzen  geschichtlichen
  Entwickelung  treu  geblieben  und  galt  schon  damals  als  zuverläßlich
  deutschgesinnt.  So  traf  die  Stadt  das  dänische  Sprachrestkript
vom  7.  Febr.  1851,  das  dänische  Amtssprache,  dänische  Schulsprache,
dänische  Konfirmationssprache  neben  dänisch-deutscher  Kirchensprache  (siehe
unten)  brachte  und  deswegen  auf  heftigen  Widerstand  der  Bürgerschaft
stieß.:)  Aus  den  Verhandlungen  der  Ständeversammlung  vom  Jahre
1853/54  kennen  wir  die  damaligen  Sprachverhältnisse  Tonderns  genauer
nach  dem  unten  angeführten  Minoritätsvotum,  und  dementsprechend
lantet  auch  eine  Erklärung  des  städtischen  Abgeordneten,  des  Kaufmanns
Greens);  es  seien  früher  in  Tondern  nur  deutsche  Schulen  gewesen
und  Gottesdienst  in  deutscher  Sprache  gehalten,  mit  Ausnahme  des
dänischen  Nachmittaggottesdienstes  an  jedem  anderen  Sonntag,  und  in
allen  amtlichen  städtischen  Angelegenheiten  habe  man  sich  bis  1850
nur  der  deutschen  Sprache  bedient;  diese  Verhältnisse  seien  jetzt  umgestürzt;
  mehreremale  habe  die  Stadt  versucht,  die  Wiederherstellung

1)  Jensen:  Kirchl.  Stastitik  365.

2)  Das  war  die  Zeit,  wo  dem  Apotheker  Veltheim  (28.  Juli  1853)  das
Privilegium  nur  mit  der  Klausel  konfirmiert  ward,  bei  Verlust  desselben  innerhalb
  eines  Jahres  nachzuweisen,  daß  er  und  sein  Gehilfe  der  dänischen  Sprache
mächtig  sei.

3)  Ständczeitung,  dänische  Ausgabe  651.