316  C.  Die  nationale  Entwickelung  der  Städte.

des  früheren  gesetzlichen  Zustandes  zu  erlangen,  aber  ihre  Bitten  an
den  König  seien  fruchtlos  gewesen.  Über  die  Einführung  der  dänischen
Kirchen-,  Schul=  und  Amtssprache  hätten  nicht  allein  der  größte  Teil
der  Einwohnerschaft,  sondern  auch  die  Vertreter  der  Stadt  Beschwerde
erhoben.  Die  tägliche  Sprache  (Umgangssprache)  sei  allerdings  zum
Teil  dänisch  (fütische  Mundart),  aber  die  (hoch)deutsche  Sprache  mache
daneben  ihre  Notwendigkeit  geltend,  namentlich  mit  Rücksicht  auf  die
geistigen  und  materiellen  Interessen  der  Stadt;  Tondern  sei  in  bezug
auf  Handel  und  Wandel  zumeist  mit  dem  Süden  verbunden;  die  deutsche
Sprache  habe  die  Bildung  der  Bevölkerung  begründet  und  sei  die
Sprache  der  Gebildeten.  Der  geistige  und  materielle  Verkehr  sei
deutsch,  die  deutsche  Sprache  deshalb  unumgänglich  notwendig;  es  sei
der  innigste  Wunsch  der  Eltern,  daß  ihre  Kinder  darin  unterrichtet
würden.  Ahnlich  sprach  sich  in  der  Ständeversammlung  von  1856/57
der  Abgeordnete  Matthiesen  aus  Hoyer  aus;  die  Stadt  Tondern  liege
an  der  Grenze  der  deutsch-dänischen  Distrikte;  die  Kenntnis  und  der
Gebrauch  der  deutschen  Sprache  sei  wegen  des  steten  lebhaften  Verkehrs
mit  dem  Süden,  namentlich  mit  den  friesischen  Distrikten,  für  jeden
eine  Notwendigkeit;  —  wenn  aber  der  Abgeordnete  Krüger  aus  Befhoft
(von  der  dänischen  Minorität)  geäußert  habe,  die  Umgangssprache  in
Tondern  sei  die  „dänische“,  so  wolle  er  ihm  darin  nicht  unrecht  geben.
Bezeichnend  ist  besonders,  wie  der  Diakonus  E.  Carstens,  der  spätere
Probst,  ein  durchaus  loyaler  Mam,  sich  im  Jahre  1861  über  die
Sprachverhältnisse  seiner  Vaterstadt  ausläßt  1):  „Die  friesische  Sprache
dürfte  kaum  in  einem  Hause  mehr  Familiensprache  sein.  Im  täglichen
Leben  ist  die  dänische  (jütische)  Sprache  die  vorherrschende,  die  in  einem
eigenthümlichen  Dialekt,  viel  mit  deutschen  Wörtern  untermischt,  gesprochen
  wird.  So  ist  z.  B.  eine  gewöhnliche  Redensart:  der  er  slet
ine  hofnung.  Man  gebraucht  den  deutschen  Artikel,  das  deutsche  genus
und  zum  Theil  deutsche  Konstruktion  (obwohl  auch  wieder  dänische  Konstruktion,
  wenn  man  deutsch  spricht)  z.  B.  tei  mä  en  söm  (statt  et  söm).
Da  die  Schulsprache  vordem  ausschließlich  die  deutsche  war,  kann  der  eingeborene
  Tonderaner  meist  iu  dieser  sich  am  besten  ausdrücken.  Man
hat  hier  oft  mit  dänischer  Zunge  aussprechen  hören,  daß  man  hier  kein

1)  Carstens:  Die  Stadt  Tondern  60fff.