336  E.  Tie  Sprache  der  Kirche.

auf  dem  platten  Lande,  in  den  Gebieten,  wo  das  Niederdeutsche  wie
in  einem  Teil  der  Ämter  Apenrade  und  Tondern  in  Übung  gewesen
war.  Nur  in  Angeln  und  den  friesischen  Gebieten  konnte  es  aus  seiner
Stellung,  die  es  in  der  früheren  Sprachperiode  gewonnen  hatte,  trotz
aller  hochdeutschen  Amtssprache  nicht  mehr  herausgeworfen  werden.

E.  Die  Sprache  der  Kirche.

Die  lateinische  Sprache  beherrschte  die  Kirche  des  Mittelalters;
die  ganze  Liturgie  kannte  nur  diese,  die  Messe  mit  ihren  Gesängen
und  Responsorien  bewegte  sich  in  den  festen,  geheiligten  Formen  des
römischen  Zeremonienwesens.  Nur  in  den  Predigten  kam  auch  die
Volkssprache  zur  Geltung,  wenngleich  diese  sehr  zurücktraten.  In  den
zahllosen  Legenden  von  Heiligen  und  Märtyrern,  in  abergläubischen
Gebeten  u.  a.,  worin  sich  die  völlig  heidnische  Volksreligion  jener  Zeit
widerspiegelt,  ertönt  auch  die  niederdeutsche  Sprache;  vor  allem  war
es  der  Mariendienst,  der  eine  reiche  Literatur  an  Liedern  und  Lobpreisungen
  hervorgerufen  und  eben  dadurch  so  feste  Wurzeln  in  dem
Herzen  des  Volkes  geschlagen  hatte.  Aus  den  Predigten  jener  Zeit,
die  nach  dem  Zeugnis  der  Landstände  meist  nur  Fabeln  enthielten,  ist
uns  nur  wenig  erhalten,  aber  das  wenige  genügt,  um  uns  ein  Bild
zu  geben  von  ihrem  Inhalt  und  der  Form,  in  der  die  vermeintlich
christliche  Religion  damals  dem  Volke  dargebracht  ward.

Dat  billige  evangelium  van  deme  kexser  Autustus  unde  van  eynem  bullen,
alse  idt  wert  geprediket  van  eynem  monnike  predikerordens  tho  Slehwick
anno  1510.1)

lck  wil  juwe  vortellen  dat  hillige  ovangelium  van  dem  groten  bullen
unde  einem  keyser,  de  Augustus  genomet  was  unde  was  en  her  awer  alle
lande  der  werld.  Idt  geschach  awerist,  dat  veelo  lude  umme  ehme  stunden,
unde  seggden,  dat  he  gade  gelik  wesen  schulde;  do  let  ho  ono  vrouwe  to
sik  ropen,  de  eno  wissagerinne  was,  unde  vragede,  wat  ehr  dartho  dunkede.

1)  Über  die  Legende  von  „Augustus  und  Sibylla“,  die  Brüggemann  vor
seinen  Altar  gestellt,  vergl.  Sach:  Brüggemann  und  seine  Werke  55.