Deutsche  Predigten  und  Gebete  aus  der  letzten  katholischen  Zeit.  337

De  wissagerinne  hadde  enen  witten  hoiken  an  unde  wisede  mit  deme  vingere
  to  deme  hemmel  unde  antwerdede:  „her  keyser,  van  deme  hemmel
schal  komen  de  koninghe  mit  syner  moder,  de  idt  wesen  schal  owiglik!“
Alse  de  wissagerinne  dat  seggt  hadde,  do  word  de  hemmel  apen  unde  de
keyser  schouwede  ene  junkvronwe,  de  was  herlik  unde  schone  anthoschouwende
  unde  stund  up  enem  altare  unde  hadde  en  kint  in  erem  arme;  do
horeden  se  en  stemme,  de  brammede  alse  de  grote  statbulle,  wen  he  up
de  weyde  geiht,  unde  seggede:  dat  is  de  altar  des  sones  gades  unde  der
tellerinne  gades,  unser  lewen  junkvrowen  Marien.“  Do  alse  de  groto  bulle
brammedo  alse  de  esel  des  Bileam,  do  schrekede  de  keyser  unde  he  krech
de  kolde  sucht.  Iek  seggede,  ick  byn  gelike  dem  statbullen,  up  dat  yi  höret
de  worde  des  hilligen  evangeliums,  wo  Fyi  nicht  gelowet  den  worden  des
hilligen  bullen,  alse  scholet  yi  vallen  in  de  ewige  vordamnis  unde  in  dat
ewige  vegevure  unser  hilligen  kercken.

Mehr  als  in  der  Kirche  trat  das  Deutsche  an  den  festlichen  Tagen
der  zahlreichen  Brüderschaften  und  Kalande  in  den  Vordergrund;  hier
ward  auch  deutsch  gesungen  und  gebetet,  während  die  Priester  lateinische
  Loblieder  auf  Maria  anstimmten.  So  heißt  es  in  den  Satzungen
der  Maria-Rosenkranz-Brüderschaft  in  Schleswig  v.  J.  1484,  in  der
bis  zum  Jahre  1528  alle  Priester,  Ratsherren,  Bürgermeister  und

die  angesehensten  Bürger  vereinigt  waren:

Und  wenner  se  alle  vorsamlet  syn,  se  schall  men  mit  brennenden
waslichtern  singen  van  unser  lewen  vrowen,  de  prester  mit  etlichen  schölern
  uppe  latin:  Mundi  domina  edder  Dilectus  item  loquitur  item  cum  pro
etc.,  daurna  de  manner,  thom  latesten  de  vrouwen  uppe  düdosk,  als  men
des  denne  eens  werd;
und  an  einer  anderen  Stelle:

Hierümme  so  ys  gentslyken  tho  radende,  dat  eyn  jewelick  na  synem
vermögen  Marien  bedencke  in  synem  testamente,  upp  dat  ere  loff  unde  ere
vormehrt  werde  in  erer  bröderschopp;  wente  se  ys  dejenne,  dede  alleine
vaste  steit  in  der  stunde  des  dodes,  wen  alle  Iyfflicke  vründe  affstan  unde
nicht  mehr  helpen  könen.  Hierumme  de  moder  der  billigen  kercken  alle
tyd  tho  ehr  ropet  aldüss:

MNarial  Moder  der  gnade,  moder  der  barmherticheit,  scherme  uns  vor
den  viant  unde  entfangk  uns  in  der  stunde  des  dodes!

Ock  so  ropen  wy  elenden  kinder  Evae  tho  ehr  aldüss:

In  alle  unser  dröfcnissc,  noth  unde  in  der  stunde  des  dodes  kam  unss
tho  hülpe,  allermyldeste  tellerinne  gades,  junevrowe  Maria!

Nur  langsam  und  weit  später  als  die  weltlichen  waren  die  kirchlichen
  Behörden  in  ihren  amtlichen  Erlassen  und  Verfügungen  vom
Lateinischen  auch  zum  Niederdeutschen  übergegangen;  noch  in  den  ersten

Sach,  Das  Herzogtum  Schleswig.  III.  22