338  E.  Die  Sprache  der  Kirche.

vier  Jahrzehnten  des  16.  Jahrhunderts  gehen  lateinische  und  niederdeutsche
  Urkunden  nebeneinander  her.  Während  der  letzte  katholische
Bischof  Gotschalk  von  Ahlefeld  in  seinen  amtlichen  kirchlichen  Verfügungen
der  herkömmlichen  Weise  treu  bleibt,  z.  B.  die  lateinischen  Statuten
des  Kalands  in  Morkerken  (1510)  bestätigt,  wendet  er  in  seinen  Briefen
an  die  Landesherren  stets  die  niederdeutsche  Sprache  an;  mag  er  ferner
an  die  Sandmänner  der  Karrharde  wegen  einer  Grenzstreitigkeit  schreiben
(1537),  mit  seinem  Domkapitel  gegen  die  Veräußerung  von  Stiftsgütern
  Protest  erheben  (1539)  oder  an  die  Landesräte  die  Bitte  richten,
die  Reformationssache  noch  weiter  hinauszuschieben  (1540),  überall  redet
er  nur  niederdeutsch.  Mochte  Christian  III.  auch  sonst  in  seinen  Erlassen
  anfangen,  dem  Hochdeutschen  zu  huldigen,  in  allen  kirchlichen
Angelegenheiten  tritt  dies  wenig  bedeutsam  hervor.  Wohl  begnadigt
er  den  Geistlichen  Antonius  Kayser  1533  in  halb  hoch=  und  halb  niederdeutscher
  Sprache  mit  dem  halben  Klosternabben  in  Hadersleben,  aber
er  ernennt  ihn  in  niederdeutscher  Urkunde  (1534)  zum  Prediger;  er
bestellt  auf  hochdeutsch  den  Johan  Schmiettern  zum  Prädikanten  auf
Gottorp  (1538),  aber  beruft  1538  die  Kirchherren  und  Ratsherren
der  Städte  zur  Beratung  der  Kirchenordnung  in  einem  niederdeutschen
Schreiben  nach  Gottorp  und  ernennt  in  gleicher  Sprache  (1540)  den
Gerhard  Slewerth  zum  Superintendenten  für  Flensburg  und  Tondern.
Erst  1541  wendet  er  sich  wegen  der  Wahl  eines  neuen  Bischofs  in
hochdeutscher  Sprache  an  Johann  Ranzau  und  an  das  Domkapitel.
Es  wäre  begreiflich,  wenn  die  katholische  Kirchenbehörde  nicht  in  einer
Sprache  redete,  die  von  Wittenberg  her  ertönte,  aber  wenn  wir  sehen,
daß  auch  die  evangelischen  Bischöfe  an  dem  Niederdeutschen  festhielten,
so  erkennt  man,  wie  wenig  die  Neformation  als  die  Trägerin  einer
neuen  Kirchensprache  gedacht  ward.  Nirgend  in  der  ganzen  reformatorischen
  Bewegung  unseres  Landes  tritt  ein  Einfluß  des  Hochdeutschen
hervor;  die  neuen  Religionsideen  wurden  begierig  ausgenommen,  aber
in  heimische  Sprache  gekleidet  dem  Volke  verkündigt;  der  Gedanke,  sie
könne  in  der  Folge  auch  in  sprachlicher  Beziehung  einen  Bruch  mit
der  Vergangenheit  hervorrufen,  lag  jener  Zeit  völlig  fern.  War  doch
auch  damals  die  niederdeutsche  Sprache  noch  die  Literatursprache  ganz
Norddeutschlands,  die  in  ihrer  Ausbildung  und  Ausgestaltung  den  hochdeutschen
  Kanzleisprachen  gleichberechtigt  gegenüberstand: