Die  Kirchenordnung  v.  J.  1542.  343

mehr  oder  weniger  herrschend  blieb.  Zu  gleicher  Zeit  ergeht  durch
die  ganze  Kirchenordnung  immer  wieder  die  Vorschrift,  de  düdesche
sprake  überall  bei  gottesdienstlichen  Handlungen  anzuwenden:

de  kinder  schal  men  döpen  yn  düdescher  sprake,  de  worde  des  sacramentes
up  dudesch  in  den  stiften  sowol  alse  in  andern  kercken  singen  unde  lesen,
de  düdesche  letanie  soll  allein  gelten,  de  collecten  allene  up  düdosch,  de
epistel  yn  düdescher  sprake;  de  prester  singet  mit  luder  stemmen,  doch
up  düdesch,  pater  noster  etc.,  darna  de  wort  des  awendmals,  doch  vor  allen
dingen  yn  düdescher  sprake.

Daneben  werden  nicht  weniger  immer  wieder  de  düdesche  sanck
und  de  düdesche  psalmen  zur  Vorschrift  gemacht.  Welche  Bedeutung
diese  sprachlichen  Bestimmungen  haben,  geht  aus  folgendem  deutlich
hervor:

Hyr  rade  wyF,  dat  men  dat  vader  unse  unde  de  wordt  der  ansettinge
Christi  unde  ock  de  leste  collecta  mit  der  benediynge  up  düdesch  uthreden
schal,  dat  wy  also  mögen  heipen  den  gelowen  der  grawen  unde  ungelerden
lüde,  unde  schemen  uns  nicht  (wen  wy  de  sacramente  vorreken)  der  düdeschen
  kercken,  darynne  wy  gebaren  sint,  na  dem  mal  dat  beide  Jöden
unde  Greken  de  sacramente  nicht  anders  vorreket  hebben,  dan  yFn  der  sprake,
darynne  se  gebaren  weren,  unde  ewen  alse  ydt  wer  ein  lecherlick  dinck,
dat  men  dem  volcke  dat  evangelium  yn  einer  unvorstentliken  sprake  vorseggen
  unde  predigen  scholde,  also  ys  ydt  ock  lecherlik  de  sacramente  tho
awerrekende  yn  unvorstentliken  wörden,  den  ydt  vorstan  nicht  alle  de  meninge,
  de  de  wordt  up  latinisch  lesen  können.

Demnach  steht  in  der  Kirchenordnung  de  düdesche  sprake  immer
nur  im  Gegensatze  zu  der  lateinischen  der  alten  Kirche.  Indes  hat
man  es  doch  auffällig  gefunden,  daß  der  Ausdruck  der  lateinischen
Vorlage  (lingua  vernacula  oder  vulgaris)  nicht  wörtlich  oder  mit
Muttersprache  (modertale)  übersetzt  ist  und  die  Kirchenordnung  nur
de  düdesche  sprake  d.  h.  die  niedersächsische  Sprache  in  allen  Amtshandlungen
  kennt,  wo  ihr  doch  der  Gedanke,  Zwang  auf  Andersredende
auszuüben,  völlig  fern  lag.  Die  Sache  erklärt  sich  hinlänglich  aus
der  damaligen  Amtssprache.  Die  gesamten  friesischen  Gebiete  von
Eidersted  bis  nach  Tondern  sowie  die  Westseeinseln  kannten  das  Friesische
  nicht  als  Sprache  der  Behörden;  ebenso  war  in  allen  Städten
bis  nach  Hadersleben  hinauf,  die  für  die  düdesche  messe  nicht  allein,
sondern  auch  für  die  lateinische  Liturgie  wegen  ihrer  gelehrten  Schulen
besonders  in  Betracht  kamen,  in  allen  amtlichen  Handlungen  das  Niederdeutsche
  maßgebend;  nur  das  nördliche  Gebiet,  ein  Teil  der  Ämter