346  E.  Die  Sprache  der  Kirche.

Allene  Gott  yn  der  höge  sy  eer  usw.  Obwohl  damals  bereits  wenigstens
acht  niederdeutsche  und  mehrere  dänische  Ausgaben  von  Luthers  geistlichen
  Liedern  und  Gesängen,  zum  Teil  durch  Lieder  anderer  Verfasser
vermehrt,  erschienen  waren  1),  so  wird  in  der  Kirchenordnung  doch  kein
bestimmtes  Gesangbuch  oder  Pfalmenbuch  genannt,  noch  auch  unter
dem  Bestande  der  Kirchenbibliothek  aufgeführt.  Auch  hier  darf  man
sie  sich,  wenigstens  in  den  Landgemeinden,  nicht  in  der  Hand  des
Volkes  denken.  Meist  wurden  die  Lieder  auswendig  gelernt;  soweit
der  Gottesdierst  in  Betracht  kam,  war  ihre  Zahl  auch  nur  gering,
und  so  prägten  sie  sich  durch  lautes  Vorsagen  in  den  Kirchen  in  derselben
  Weise  leicht  dem  Gedächtnisse  ein,  wie  dieses  bei  dem  Katechismusunterricht
  vorgeschrieben  war.

Von  der  mächtigen  Wirkung,  die  diese  Gesänge  damals  auf  das
Volk  ausübte,  können  wir  uns  heute  kaum  eine  Vorstellung  machen;
vor  allem,  wenn  sie  sich  an  den  alten  Volksgesang  mit  ihren  Melodien
anschlossen,  waren  sie  bald  in  aller  Munde.  Mehrfache  beglaubigte
Überlieferung  weiß  uns  davon  zu  erzählen,  selbst  ein  so  entschiedener
Gegner  der  Reformation  wie  der  Bruder  Lütke  Namen  liefert,  ohne
es  zu  wollen,  einen  glänzenden  Beweis  von  der  hohen  Bedeutung  des
evangelischen  Volksgesanges  für  die  Verbreitung  der  evangelischen  Lehre,
wenn  er,  Luthers  bekanntes  Lied  parodierend,  um  das  Jahr  1542  anhebt:

Ach  Got  van  hemel  se  daran  Aldo  eyn  jeder  tor  karken  gaff
und  lat  dy  des  erbarmen!  und  dede  Godes  loff  vormeren,
Wo  garhefft  Luther  dyn  folck  vorvört,  do  hadde  he  alle  wynkelen  vul
bedragen  synt  de  armen.  und  konde  sick  wol  erneren;

Din  wort  he  en  nicht  rechte  leert,  nu  gifft  he  nicht,  so  beflt  he  nicht,
den  symplen  lüden  den  wech  vörkeert,  syn  quick  dat  starfft,  syn  korn  vorde
  to  der  salicheit  leydet.  darto  de  fisch  im  watcer.  (darfft,

1)  Erschienen  waren  bis  dahin  u.  a.  niederdeutsche  Liedersammlungen  in
Hamburg  (1526),  in  Wittenberg  (1531),  in  Rostock  (1531),  in  Magdeburg
(1530.  34.  38.  40).  Goedeke:  Grundriß  158.  1157.  Geffken:  Die  Hamburger
nieders.  Gesangb.  des  16.  Jahrhunderts.  1857.  Uber  die  üblen  Texte  der  späteren
  Zeit  vergl.  unten  die  Bemerkung  Walthers.  —  Die  erste  dänische  Ausgabe
  von  Luthers  Liedern  erschien  1528  in  Malmö,  die  dann  bis  1544  wiederholt
  in  erweiterter  Gestalt  ausgegeben  ward.  Vergl.  Entwurf  einer  historischen
Nachricht  von  denen  dänischen  geistlichen  Liedern  und  Gesangbüchern.  Dänische
Bibliothek  IX.  687.  Ob  diese  Bücher  in  Nordschleswig  viel  gebraucht  sind,  läßt
sich  nicht  sicher  ausmachen.  Wir  werden  später  hören,  daß  in  vielen  Gemeinden,
wo  dänisch  gepredigt  ward,  nur  deutsche  Gesänge  üblich  waren.  Siche  S.  376.