Der  Kirchengesang.  347

Als  er,  von  Fleusburg  vertrieben,  nach  vielem  Umherwandern,
1545  mit  königlicher  Erlaubnis  in  seine  Vaterstadt  heimkehrte,  fand
er  alles  von  lutherischem  Geiste  angesteckt  und  das  jüngere  Geschlecht
der  alten  Kirche  noch  fremder  und  feindseliger  gegenüberstehen  als  das
ältere.  Wenn  er  auf  dem  Kirchhofe  des  alten  Klosters  zwischen  den
Gräbern  seiner  ehemaligen  Ordensbrüder  oder  unter  dem  Schatten  der
Bäume  des  Klostergartens  einherwandelte,  dann  konnte  er  von  der
von  ihm  gegründeteten  Schule  her  die  lutherischen  Lieder  ertönen  hören,
die  noch  ein  ganzes  Jahrhundert  lang  in  allen  Kirchen  des  Landes
widerhallten.  Lauschen  wir  einen  Augenblick  den  niederdeutschen  Klängen
eines  Lutherliedes,  das  ihm  von  allen  am  widerwärtigsten  war:

Erholdt  uns,  her,  by  dynem  word
und  stühr  des  pawsts  und  törcken
mordt,
de  Jesum  Christum,  dynen  sön,
störten  willen  van  synem  thron.

Bewys  dyn  macht,  her  Jesu  Cbrist,
de  du  her  aller  heren  bist,
bescherm  dyn  arme  Christenheit,
dat  se  dy  lav  in  ewicheit.

Godt  billge  geist,  du  tröster  werth,
giff  dyn'm  volck  ein’rley  sinn  up
lerctt,

stha  by  uns  in  der  lesten  nodt,
gleidt  uns  int  levendt  uth  dem  dodt.

[Er  anschleg,  her,  tho  nichte  maeckund
  lath  se  drepn  de  böse  saeck
und  stört  se  in  de  grov  hbenin,
de  so  maken  den  christen  dyn.

So  werden  se  erkennen  doch,
dat  du  unsr  her  Godt  levest  noch
und  helpest  g’weldich  dyner  schar,
de  sick  up  dy  vorlaten  gabr.)

Die  Kirche  mit  ihrer  niederdeutschen  Sprache  im  Verein  mit  den
Volksgerichten  und  der  unteren  Verwaltung  war  im  16.  Jahrhundert
die  festeste  Stütze  des  niederdeutschen  Volkstums.  Die  Formen,  in
denen  das  neue  Evangelium  dem  Volke  gebracht  ward,  waren  so  eng
mit  der  Volkssprache  verbunden,  daß  eine  Anderung  kaum  denkbar
erschien.  Am  allerwenigsten  war  unter  allen  Behörden  von  einer  Kirche,
die  aus  der  römischen  Zeit  den  lateinischen  Gesang  bei  der  Liturgie
bewahrte,  zu  erwarten,  daß  sie  alsbald  ein  neues  sprachliches  Gewand
anlegen  und  ihr  enges  Band  mit  dem  Volke  zerreißen  würde.

Der  erste  evangelische  Bischof,  Tileman  van  Hußen  (11551),
blieb  der  bisherigen  Weise  treu  und  stellte  sich  ganz  auf  den  Boden
der  Kirchenordnung;  mochte  er  mit  seinem  Konsistorium  in  Ehesachen
(1543)  oder  in  anderen  kirchlichen  Dingen  Entscheidungen  treffen  (154  7,