350  E.  Die  Sprache  der  Kirche.

ward.  Wenn  die  Kirchenrechnungen  in  den  Städten,  ebenso  wie  die
Kämmereirechnungen  der  weltlichen  Behörden  und  die  Volksgerichte
meistens  noch  der  alten  Weise  jahrzehntelang  treu  bleiben,  so  ist
dieses  bei  den  Landgemeinden  noch  weniger  auffallend.  Verhöre  und
Untersuchungen  wurden  ganz  der  Weise  der  Dinggerichte  gemäß  auf
niederdeutsch  vorgenommen,  während  die  Berichte  darüber  an  die  Oberbehörde
  sich  in  hochdeutsche  Sprache  kleideten.:)  Ehe  wir  jedoch  den
allmählichen  Ubergang  zum  Hochdeutschen  auf  dem  platten  Lande  näher
darlegen,  wollen  wir  zur  Kennzeichnung  der  Zeiten  zwei  Laien  und
zwei  Geistlichen  aus  dem  16.  und  17.  Jahrhundert  reden  lassen;  sie
werden  uns  zugleich  von  den  kirchlichen  Zuständen  und  der  Landgeistlichkeit
  ein  bezeichnendes  Bild  vorführen.

1.  Schreiben  des  Kirchengeschwornen  Jes  Schroeder  in  Holm,  Kirchspiel
Havetoft,  an  den  Herzog  Adolf.  1566.)

Gnodigor  hor,  hir  mitt  kan  ick  Iwen  F.  C.  in  aller  underdenicbeit
klagende  nicht  umegaen,  dat  ick  arme  und  elende  olde  bedagede  man  van
minem  pastor  und  selsorger  (es  war  Erich  Jessen  f  1596)  etlicher  malen
vortöret  und  vorschundet  sy  geworden,  also  dat  ick  neffenst  cme  up  sin
erforderent,  dewile  he  wat  swecklick  goweson,  dat  hillige  und  hochwerdige
sacramento  uththodelende  my  understanden;  esfte  ick  nu  wol  van  velen
desfalss  vardacht  und  thogemeten,  alss  schulde  ick  sodan  misbruck  wetenlick
  und  vreventlick  gedan  bobben;  idt  heff  awerst  de  erwerdige  und
hochgelerde  Docter  Paulus  van  Eitzen  Superintendens  wo  gelichesfals  dat
gantze  Consistorium  mi  desfals  gefriet  und  entsculdiget,  vormoge  erer  schin
und  bewis,  alse  donno  G.  F.  und  here  de  erbar  Bartram  van  Aneuelde,
Amptman  up  Flensborch,  nachdeme  ick  arme  man  under  der  konincklick
Maiestat  im  leheno  Flensborch  geseten,  solches  erfaren,  wil  he  mit  des  gemelten
  Supecrintendenten  und  Capittols  afsage,  dewile  de  dadt  tho  twen
tyden  geschen,  sick  nicht  geseditgen  laten,  sunder  is  des  entlicken  willenss,
dat  he  mi  arme  man  van  huse  edder  hawe  edder  ock  sust  suarc  broke  van
mi  tho  hebben  bedacht  is,  darmit  ick  arme  man  in  dusser  sake  uth  wisinge
der  afgesprakenen  sententic  muchte  gefriet  bliwen.  Dem  na  gelanget  ahn
Jwer  F.  G.  mine  underdenige  denstlik  und  bochflitige  bit,  Jwer  F.  G.  willen

1)  Bezeichnend  sind  für  die  Sprache  die  Untersuchungen  gegen  die  Wiedertäufer
  in  Tönning  aus  den  Jahren  1607  und  1608;  die  Protokolle  sind  lateinisch
  und  niederdeutsch,  Berichte  an  die  Oberbehörde  hochdeutsch.  Schriften  des
Vereins  für  schlesw.-holst.  Kirchengesch.  II.  II.  2.  218  ff.

2)  Kirkchist.  S.  1868  S.  722.