370  E.  Die  Sprache  der  Kirche.

ihnen  doch  nicht  völlig  unbekannt  gewesen  zu  sein.  1)  Sie  erklären
darin,  sie  hätten  zwar  an  der  Person  und  den  Gaben  des  Kandidaten
nichts  zu  tadeln,  nur  von  seiner  Predigt  gar  wenig  und  die  meisten
nichts  verstehen  können;  auch  hätten  sie  verspürt,  daß  er  „unser  dänischen
Sprache“  d.  h.  ihrer  Mundart  gar  nicht  kundig  sei;  sie  täten  ihre
Beichte  und  andere  Anliegen  stets  in  „unserer  dänischen  Sprache“  d.  h.
in  ihrer  Mundart  und  würden  wieder  in  „dänischer“  Sprache  getröstet,
auch  Schwache  in  ihrem  Todeskampf  könnten  kein  Begreifen  und  Trost
aus  der  (hoch)  deutschen  Sprache  haben.  In  ihrer  zweiten  Bittschrift
wiederholen  sich  dieselben  Klagen;  zu  allem  Jammer,  den  sie  in  den
Kriegszeiten  ausgestanden,  sei  die  neue  bittere  Kunde  gekommen,  daß
man  so  gewaltsam  mit  ihnen  verfahre,  ihnen  die  „einige  christliche
Freiheit  einer  rechtmäßigen  Wahl“  nehme  und  ihre  „Beichtende,  Schwache
und  Trostrufende  nicht  mehr  in  denischer  Sprache  könnten  getröstet
werden,  sondern  ihre  Seele  sich  immer  an  unvernehmliche  oberlendische
Worte  ärgen  solle“;  „ihre  Frauen.  Kinder  und  Gesinde,  so  nicht  zur
Stadt  Flensburg  kämen  und  des  (Nieder)  Deutschen  gewohnt  seien,  beschwerten
  sich  hoch  über  die  (hoch)  deutsche  Predigt,  so  vordem  in
denischer  Sprache  geschehen"“.  Neben  der  Beschwerde  über  die  Anfechtung
  ihres  Wahlrechts  treten  also  laute  Klagen  über  die  Einführung
der  hochdeutschen  Predigt  besonders  im  Interesse  ihrer  Frauen,  Kinder
und  ihres  Gesindes  hervor,  und  dies  ist  auch  völlig  begreiflich,  weil
diese  am  wenigsten  des  Hochdeutschen  kundig  sein  konnten.  Man  sieht
aber  auch,  wie  eine  Hauptbeschwerde  dahin  geht,  daß  der  Kandidat
ihrer  „denischen  Sprache“,  d.  h.  ihrer  jütischen  Mundart  nicht  kundig
sei;  mit  Recht  empfanden  sie  es  als  eine  bittere  Kränkung,  wenn  ihnen
ein  Geistlicher  gesetzt  ward,  mit  dem  sie  sich  weder  im  gewöhnlichen
Verkehr  noch  auch  in  allen  kirchlichen  Angelegenheiten  verständigen
konnten.  So  viel  scheint  die  Gemeinde  erreicht  zu  haben,  daß  in  den
nächsten  drei  Jahren  dem  alten  Johannes  zwei  andere  Adjunkten  zur
Seite  gesetzt  wurden,  die  die  Volkssprache  verstanden;  freilich  müssen
die  Verhältnisse  in  der  Gemeinde  wenig  erquicklich  gewesen  sein,  denn

1)  Von  ihrem  altem  Prediger  Joh.  Brekling  F  1672,  der  seine  Schriften
nur  auf  hochdeutsch  herausgab  (Moller:  Cimbr.  litt.  I.  66.  67),  werden  sie  wohl
auch  bochdeuische  Kanzelreden  gehört  haben.