372  E.  Die  Eprache  der  Kirche.

demselben  Jahre,  wo  die  längstgeplante  Universität  in  Kiel  als  die
nördlichste  Pflanzstätte  deutscher  Bildung  und  Wissenschaft  gegründet
ward,  gab  es  der  hochdeutschen  Predigt  einen  festen  Halt  und  ward
allmählich  zu  einem  wirksamen  Mittel,  das  Niederdeutsche  in  beiden
Herzogtümern  auf  den  Kanzeln  zum  Verstummen  zu  bringen.
Auffällig  erscheint  es,  daß  ein  Laie,  der  Oberbibliothekar  und
Rat  des  Herzogs  Friedrich,  Adam  Olearius,  gebürtig  aus  Aschersleben
(*1671),  ein  so  bedeutsames  Werk  unternahm;  man  hat  ihn  daher  auch
oft  „Hosprediger“  genannt  und  augenscheinlich  mit  seinem  Namensvetter
Joh.  Olearius,  dem  Oberhofprediger  in  Weißenfels,  verwechselt.  Wer
indes  den  literarischen  Ruf  des  Olearius,  insbesondere  seine  unvergleichliche
„persianische  Reisebeschreibung“  kenut,  die  geradezu  ein  Muster  hochdeutscher
  prosaischer  Darstellung  bildet  und  durch  ihre  Ubersetzungen  zuerst
die  Aufmerksamkeit  auf  die  orientalischen  Dichtungen  lenkte,  oder  von  seiner
holsteinischen  Chronik,  seiner  Beschreibung  der  Gottorper  Kunstkammer
und  von  seinen  Verdiensten  um  die  Herausgabe  der  sogenannten  Schleswiger
  Bibel  gehört  hat!),  wird  leicht  begreifen,  wie  er  besonders  für
geeignet  und  berufen  gehalten  werden  konnte,  ein  neues  hochdeutsches
Ritnual=  und  Altarbuch  zu  schaffen,  das  auf  der  Höhe  der  Zeit  stand.
In  einer  vortrefflichen  Einleitung  bemerkt  er,  wie  schon  oben  angedeutet,
  das  Walthersche  Buch  sei  in  den  Buchläden  nicht  mehr  zu
haben  und  das  Hochdeutsche  statt  des  Niedersächsischen  von  den  meisten
Pfarrherren  in  „Predigten  und  Gottesdienst“  angenommen;  etliche
Priester  hätten  auch  bei  ihren  Inspektoren  darum  angehalten,  daß
„gegenwertiges  Kirchen  Buch  in  Hochdeutsch  herauß  gegeben  werden
möchte;  es  werde  dabei  zwar  dem  Aethodo  und  Ordnung  des  sel.
M.  Walthers  nachgegangen,  aber  mit  einem  merklichen  Zusatz,  fürnehmlich
  mit  den  Apostel  Fest-Evangelien  und  Episteln,  mit  etlichen
nothwendigen  Formulen  für  die  Pfarheren  in  gewissen  Fällen  und
solches  auff  löblicher  Anordnung  der  hohen  Kirchen  Inspektoren“.  Vergleicht
  man  den  Inhalt  des  neues  Kirchenbuches  mit  dem  Waltherschen
Manual,  so  ergibt  sich  in  der  Tat,  daß  Olearius  in  der  Hauptsache
nichts  weiter  als  eine  verbesserte  und  vermehrte  Auflage  desselben  in
hochdeutscher  Sprache  hergestellt  hat.  Für  alle  Veränderungen  und

1)  Noller:  Cimbr.  litt.  II.  503  —  600.