376  E.  Die  Sprache  der  Kirche.

wenig  verständen,  viel  weniger  es  reden  könnten.  Für  die  Propstei
Tondern,  wo  die  Kirchensprache  in  einigen  Kirchspielen  dänisch,  in
anderen  deutsch,  in  noch  anderen  abwechselnd  deutsch  und  dänisch  war.
erklärten  die  Visitatoren  in  bezug  auf  die  letzteren:  obgleich  die  Eingepfarrten
  besser  dänisch  als  deutsch  verständen,  so  wollten  sie  doch
die  Anführung  der  Jugend  und  auch  die  Predigten  in  deutscher  Sprache
nicht  gern  völlig  abkommen  lassen.  wie  sie  denn  auch  deutsch  sängen;
auch  hier  bemerkten  die  Visitatoren  mit  Recht,  in  den  Kirchspielen
mit  deutscher  oder  dänischer  Kirchensprache  müßten  die  Prediger  schon
wegen  gegenseitiger  Vertretung  bei  Vakanzen  beider  Sprachen  mächtig
sein.  Der  König  gab  dieser  Außerung  praktische  Folge;  dies  war
auch  fast  das  einzige  Ergebnis  der  ganzen  Untersuchung  und  der  sämtlichen
  Berichterstattungen,  wenn  man  von  der  Umwandlung  einer  wenig
besuchten  dänischen  Freitagspredigt  in  Hadersleben  nach  dem  Vorschlage
  der  Visitatoren  in  eine  dänische  Katechisation  absieht.  Der
König  muß  sich  aus  diesen  kräftigen  Vorstellungen  der  Behörden,  die
zum  Teil  wohl  noch  auf  Gottorpischen  Traditionen  beruhten,  überzeugt
haben,  daß  die  beabsichtigte  Anderung  den  religiösen  Bedürfnissen  und
geistigen  Interessen  der  Bevölkerung  widerstreite  und  von  ihr  als
eine  Gewalttätigkeit  schmerzlich  empfunden  werden  würde.  Die  Dänen
haben  dies  nie  verschmerzen  können;  unfähig  die  wirkliche  Sachlage,
historisch  gewordene  Verhältnisse  richtig  zu  würdigen,  vermögen  sie
sich  von  der  Vorstellung  nicht  loszumachen,  der  König  sei  von  den
parteiischen  deutschgesinnten  Geistlichen  und  weltlichen  Beamten  absichtlich
  getäuscht  und  von  dem  rechten  Wege  abgebracht  worden.  Dieselbe
  Erscheinung  wiederholt  sich  in  noch  höherem  Maße,  als  70  Jahre
später  ein  neuer  Anlauf  zur  Ausbreitung  der  dänischen  Kirchensprache
erfolgte,  aber  trotz  günstiger  Zeitlage  ebenso  erfolglos  blieb.))

Das  Kirchenbuch  des  Olearius  blieb  auch  nicht  ohne  Einfluß  auf
diejenigen  Gemeiuden  des  nördlichen  Schleswigs,  wo  die  dänische
Literatursprache  zur  Kanzelsprache  erhoben  war.  Abgesehen  davon,  daß
der  Altardienst  in  der  vorgeschriebenen  Ordnung  überall  fast  gleichmäßig
  sich  allmählich  gestaltete,  drang  vielfach  auch  hochdeutscher  Kirchengesang
  in  den  dänischen  Gottesdienst  ein;  es  ist  dies  nur  durch  die

1)  lber  diese  Kämpse  im  19.  Jahrhundert  werden  wir  weiter  unten  S.  408f.
im  Zusammenhange  mit  der  Schul=  und  Volkssprache  weiter  handeln.