378  E.  Die  Sprache  der  Kirche.

der  Religion  und  der  Kirche  nicht  verstehen  könne.  Anders  freilich
  stellten  sich  dazu  damals  die  Gebildeten;  auf  sie  machte  damals
und  macht  auch  noch  heute,  wenn  sie  der  Mundart  genügend  kundig
sind,  eine  plattdeutsche  geistliche  Rede,  wie  z.  B.  eine  Traurede,  wie
ich  es  selbst  vor  Jahren  erlebt,  einen  ganz  gewaltigen  Eindruck.  1)
In  den  nördlichen  Gebieten  tritt  uns  noch  ein  ganz  besonderer
Umstand  entgegen,  der  für  das  Verständnis  der  Eigenart  der  dänischen
  Kirchensprache  älterer  Zeit  und  ihr  Verhältnis  zur  Volksmundart
  nicht  ohne  Bedeutung  ist.  Auf  der  Kanzel  herrschte  wie  bei
den  Gerichten  und  überhaupt  in  der  öffentlichen  Rede,  beim  Lesen
oder  Vorlesen  nur  die  sogenannte  deklamatorische  Aussprache;  sie
war  gänzlich  verschieden  von  der  gebildeten  Aussprache  im  täglichen
Leben,  wofür  das  Kopenhagener  Dänisch  als  maßgebend  galt;  stark
artikulierend,  schloß  sie  sich  der  Schrift  dermaßen  an,  daß  durchweg
jeder  geschriebene  Buchstabe  auch  in  der  Rede  gehört  ward.  Solange
es  keine  Schulen,  wenigstens  auf  dem  Lande,  gab,  worin  in  dieser
Weise  das  Dänische  gelehrt  ward,  mußte  es  nur  jütischredenden  Zuhörern
  sehr  schwer  werden,  einer  solchen  Predigt  zu  folgen.  Man
begreift  daher,  wie  die  Prediger  zuweilen  zur  Volksmundart  ihre  Zuflucht
nahmen;  man  versteht  auch  nur  so  die  immer  wiederholte  Behauptung
der  deutschen  Prediger,  daß  die  Gemeinden  die  hochdeutsche  Predigt
wenigstens  ebensogut  verstehen  könnten  wie  die  eigentlich  dänische.

1)  Der  Gebrauch  des  Plattdeutschen  als  Hilfssprache  bei  der  Katechisation
war  vor  1848  in  Holstein  nicht  so  ungewöhnlich.  Schumacher:  Genrebilder  1841
S.  242  bemerkt  sogar  von  einem  städtischen  Prediger  in  Altona:  „wenn  er
katechisirte,  so  sprach  er  viel  platideutsch".  Bekanntlich  ging  Cl.  Harms  in  seinen
Münschen  viel  weiter.  Vermischte  Schr.  191sf.:  er  trägt  gar  kein  Bedenken,  die
platideutsche  Sprache  wieder  auf  die  Kanzel  zu  bringen,  nur  am  Altar  will  er
das  Hochdentsche  erhalten  wisseu.  Es  ist  das  ein  Standpunkt,  der  im  18.  Jahrhundert
  einer  Geistlichkeit,  die  eben  erst  das  Hochdeutsche  eingeführt,  ganz  unbegreiflich
  gewesen  wäre.  Bekannt  ist  ja,  daß  der  Pastor  Harms  in  Hermannsburg
  die  Einführung  des  Plattdeutschen  in  Bibelstunden  wieder  versucht  hat.
Auch  Pastor  Paulsen-Kropp  hat  einen  ähnlichen  Weg  eingeschlagen,  selbst  ein
neues  Testament  in  der  südholsteinischen  Mundart  herausgegeben.  Meines  Erachtens
  würde  es  nicht  übel  sein,  wenn  die  alte  Bugenhageusche  lbersetzung  mit
ihren  herrlichen  schönen  Formen  und  ihrer  trefflichen,  für  alle  niederdeutschen
Mundarten  gleichmäßig  gültigen  Orthographie  wieder  dem  Volke  in  die  Hand
gegeben  würde.