Die  hochdeutsche  Dichtkunst.  385

gesinnter  Männer.  Das  tändelnde  Liebeslied  fand  dagegen  in  dem
heiteren,  noch  bis  in  sein  spätes  Alter  lebenslustigen  Junggesellen
Zacharias  Lundt  aus  Nübel  im  Sundewittschen,  dem  Sekretär  des  Königs
Friedrich  III.,  einen  besonderen  Vertreter,  und  ihm  zur  Seite  trat  Jakob
Schwieger  aus  Altona,  ein  ausgezeichnetes  Mitglied  der  deutschen  Genossenschaft
  und  des  Schwanenordens,  der  unter  den  erotischen  Dichtern
  seiner  Zeit  fast  den  ersten  Platz  einnahm.  Außerdem  erfuhr  die
Dichtkunst  durch  einen  gelehrten  Schulmann,  durch  den  Satiriker  Joachim
Rachel  aus  Wesselburen,  den  späteren  Rektor  der  Schleswiger  Domschule,
  eine  weitere  Ausbildung.  Gerade  an  ihm  sehen  wir,  wie  die
niederdeutsche  volkstümliche  Art  sich  in  die  neuhochdeutsche  Bildungsform
  umwandelte.  Von  namhaften  Dichtern  jener  Zeit  ist  er  vielleicht
  der  letzte,  der  in  jüngerem  Alter  noch  der  niederdeutschen  Muse
huldigte.  Das  Lied  von  der  ditmarsischen  Freie,  das,  im  Anschluß
an  den  herrschenden  Volksgesang  geschaffen,  später  zu  einem  viel  gesungenen
  Volksliede  ward  1),  gehört  jener  Gattung  von  scherzhaften
Hochzeitsgedichten  an,  die  in  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts,  als  das
Hochdeutsche  die  Sprache  der  Wissenschaft,  der  Gesetze,  der  Kirche  geworden
  war,  besonders  in  Niedersachsen  in  Aufnahme  kam;  es  steht
dabei  in  einem  so  scharfen  Gegensatze  zu  seinen  späteren  hochdeutschen,
ganz  im  Opitzischen  Geiste  gehaltenen,  zahmen  Satiren,  daß  der  Wandel
der  Zeiten  nicht  leicht  besser  als  durch  diese  seine  Gedichte  vor  Augen
tritt.  Man  vergleiche  nur  die  kräftigen  Anfangsstrophen  mit  seinen
späteren  gedrechselten  und  gezierten  hochdeutschen  Alexandrinern!

Nu.  min  dochter,  segg  van  harten,  In  de  groten  landesfeide
wat  dünkt  di  bi  Reimers  Marten?  schloech  he  up  der  grönen  heide
is  it  nicht  een  karschen  knecht?  mangen  schoenen  Holsten  doet:
lank  van  leden,  rik  van  goede  he  schloech  lustich  up  de  deusen,
un  vam  allerbesten  bloede  dat  se  pepen  ur  mit  steusen
wer  he  di  nicht  ewen  recht?  musten  laten  haer  un  bloet.
Jarrens  Dulffs,  sin  oldervader,  As  de  havik  vör  de  küken
was  een  deftich  landberader,  gung  de  groete  garde  striken,
jal  he  was  een  weldich  mann  kam  der  Jarrens  Dulffs  in't  selt:
van  de  acht  un  veertich  heeren,  alle  fende  musten  springen,
de  Ditmarschen  to  regeeren  alle  fründe  musten  singen:
plegten,  eer't  de  fient  gewann.  dat's  een  kerel!  dat's  een  heit!

1)  Sach:  Joachim  Rachel,  ein  Dichter  und  Schulmann  des  17.  Jahrhunderts,
  wo  S.  46ff.  das  ganze  Gedicht  kritisch  behandelt  und  der  Tert  festgestellt
  ist.

Sach,  Das  HGerzogtum  Schleswig.  U.  25