386  Die  Stellung  d.  fürsel.  Reglerung  zum  Gochdeutschen  u.  dessen  Bedeutung  f.  d.  Volkstum.

Im  schneidenden  Gegensatz  dazu  fanden  seine  hochdeutschen  Satiren
eben  wegen  ihrer  Zahmheit,  ihrer  feinen  und  gefälligen  Form  den
Beifall  der  höheren  hochdeutsch  redenden  Kreise,  selbst  am  Hofe  in  Kopenhagen;
  Paul  Tscherning,  königlicher  Generalauditeur  und  ein  Freund  des
Dichters,  bekam  von  dem  Könige  den  Auftrag,  ihm  zu  schreiben,  mit
welchem  Wohlgefallen  er  die  Erstlinge  seiner  hochdeutschen  Muse  aufgenommen
  habe;  ja  er  ließ  Rachels  ersten  Gedichte  auf  seine  Kosten
in  Kopenhagen  drucken  und  meldete  ihm  später,  der  König  habe  die
Absicht,  ihn  aus  dem  engen  Schulzimmer  an  das  Licht  seines  Hofes
zu  ziehen.  Nicht  weniger  war  der  Gottorper  Hof  dem  Dichter  wohlgesinnt;
  zwei  seiner  Lieder,  die  er  zu  Eyren  des  verstorbenen  Herzogs
Friedrich  III.,  „des  Ausbundes  der  Helden“,  und  des  Kaisers  Ferdinand
bei  Gelegenheit  der  Gründungsfeier  der  Kieler  Universität  gedichtet
hatte,  brachten  ihn  durch  Vermittelung  seines  Bruders  Samuel  mit  dem
Regierungspräsidenten  Kielmann  von  Kielmannsegge  in  Berührung,
und  diesem  gelang  es.  den  Vertreter  der  neuhochdeutschen  Dichtung
für  die  Leitung  der  lateinischen  Schule  der  herzoglichen  Residenzstadt
zu  gewinnen  (1667).

Das  Gefühl  von  dem  ungeheuren  Wechsel,  der  mit  dem  allgemeinen
  Gebrauch  des  Hochdeutschen  eingetreten  war,  war  nicht  bloß
in  dem  Volke  wach,  auch  aus  manchen  gelehrten  Kreisen  kamen
Stimmen,  die,  in  der  Erkenntnis  vergeblich  gegen  den  Strom  zu
schwimmen,  in  lauten  Klagen  sich  ergingen.  Daß  eine  höhere  Leitung
die  Sache  des  Hochdeutschen  führte,  daß  durch  die  deutsche  Gemeinsprache
  Süd=  und  Norddeutsche,  Ober=  und  Niederdeutsche  bis  zu
den  äußersten  Grenzen  des  Reichs  zu  einer  großen  Nation  zusammenschmelzen
  sollten,  dafür  konnten  damals  auch  die  kenntnisreichsten  Männer
kein  volles  Verständnis  haben.  „Bei  diesen  Vorzügen  des  Altertums“,
  schreibt  unter  andern  im  Jahre  1722  der  gelehrte  Flensburger
Nektor  Moller  1),  „zum  Preise  der  deutschen  Sprache  und  der  Fortpflanzung
  in  so  viele  Länder  und  fremde  Sprachen  muß  notwendig

1)  J.  Moller:  Von  billiger  Liebe  und  Hochachtung  der  Land=  und  Muttersprache,
  in  Sonderheit  unserer  Teutschen.  Flensburg  1722.  Kieler  Blätter  II.
118.  119.  Auch  der  Göttinger  Professor  Michaelis  erhob  noch  in  einer  oratio
de  en  germanica  dialecto,  qua  in  sacris  faciundis  utimur  (1759)  bittere  Klage
über  die  Verdrängung  des  Niederdeutschen  aus  der  Krrche.