Die  Folgen  des  Sprachwechsels.  387

angemerkt  werden,  daß  unter  den  so  mannigfaltigen  Dialectis  oder
Spracharten  Deutschlands  keine  sich  derselben  mit  größerem  Rechte
berühmen  könne  als  unsere  niedersächsische  oder  cimbrische,  der  uralten
deutschen  Hauptsprache  allerälteste  und  erstgeborene  Tochter,  welche  an
unverfälschter  Reinlichkeit  und  heldenmäßiger  Männlichkeit  der  Aussprache
  alle  anderen  übertrifft  und  an  wahrhafter  Zierlichkeit  auch  keiner
unter  selbigen  etwas  nachgibt.  Daher  billig  zu  bedauern  ist,  daß  dieselbe
  in  den  letzten  hundert  Jahren  bei  uns  Cimbern  und  bei  den
übrigen  Niedersachsen  in  so  große  Verachtung  ist  geraten,  daß  sie  fast
aus  allen  Kirchen,  Kanzleien,  Gerichten,  ja  auch  vielen  Häusern  unverantwortlich
  verbannt  und  der  meisnischen  zu  weichen  gezwungen,
ja  auch  von  den  Gelehrten  fast  keinem  sie  erläuternder  und  auspolierender
Schriften  gewürdigt  wird.“  Die  hohe  Bedeutung,  die  der  Sprachwechsel
für  seine  engere  Heimat  hatte,  berührt  Moller  nicht,  und  doch  ist  es
gerade  diese,  die  vor  allem  die  Aufmerksamkeit  der  Forschung  auf
sich  lenkt.

Was  an  deutschem  Wesen  in  den  Städten  nördlich  der  Schlei
und  auf  dem  platten  Lande  bisher  gewonnen  war,  hatte  die  niederdeutsche
  Sprache  errungen.  Flensburg  war  fast  niederdeutsch,  weite
friesische  Landschaften  hatten  ihr  Volkstum  so  gut  wie  verloren,  und
auch  in  ganz  Mittelschleswig,  zum  Teil  auch  in  Nordschleswig,  in  Tondern,
  Apenrade  und  Hadersleben,  war  die  Bevölkerung  doppelsprachig
geworden.  Jetzt  wo  das  Niederdeutsche,  aus  seiner  herrschenden  Stellung
herausgeworfen,  seine  Bedeutung  als  Amtssprache  verlor  und  zu  einer
bloßen  Mundart,  wie  das  Jütische  und  das  Friesische  es  so  seit  lange
gewesen,  herabgedrückt  ward,  stand  es  zur  Frage,  ob  es  noch  weiter  vordringen
  oder  auch  nur  die  in  jütischen  und  friesischen  Gebieten  gewonnene
  Stellung  auf  die  Dauer  behaupten  konnte.  Wir  haben  bereits
bei  Betrachtung  der  nationalen  Verhältnisse  in  Tondern,  Apenrade
und  Hadersleben  gesehen,  wie  der  Einfluß  des  Niederdeutschen  allmählich
  zurückgeht  und  die  Mundart  der  umliegenden  Landschaft  nach
und  nach  wieder  erobert,  was  sie  längst  verloren  hatte.  Vermochte
nun  die  amtliche  hochdeutsche  Sprache  gar  auf  dem  platten  Lande  die
Stelle  des  Niederdeutschen  einzunehmen,  seine  Aufgabe  zu  übernehmen
und  auch  weiter  zu  führen?  Es  kann  gar  keine  Frage  sein:  das
Hochdeutsche  als  neue  Literatursprache,  als  Sprache  der  Bildung  und

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