388  Die  Stiellung  d.  fürstl.  Reglerung  zum  Hochdeutschen  u.  dessen  Bedeutung  f.  d.  Vollsium.

der  Wissenschaft,  hat  lange,  selbst  von  den  Behörden  gefördert  und  in  ihren
Kanzleien  allein  geltend,  wenig  germanisierende  Kraft  bewiesen  und
konnte  seinem  Wesen  nach  nicht  zur  Volkssprache  werden;  wenn  selbst
in  den  Städten,  wo  bereits  Schulen  als  eigentliche  hochdeutsche  Pflanzstätten
  bestanden,  dieses  nicht  im  geringsten  errreicht  ward,  wie  war  auf
dem  Lande  irgend  ein  Erfolg  zu  erwarten,  wo  es  eben  solche  Bildungsanstalten
  so  gut  wie  noch  gar  nicht  gab?  Hat  die  hochdeutsche  Sprache
demnach,  indem  sie  die  dänische  Literatursprache  zurückdrängte,  der  eigentlichen
  Volkssprache,  hier  der  jütischen,  dort  der  friesischen  Mundart,
in  keiner  Weise  direkt  Abbruch  getan,  vielmehr  ihr  indirekt  geradezu
genützt,  indem  sie  dem  Niederdeutschen,  dem  gefährlichen  Nebenbuhler
beider  Mundarten,  wenigstens  einen  Teil  seiner  germanisierenden  Kraft
nahm,  so  darf  man  sich  nicht  wundern,  wenn  die  Germanisierung
sortan  hier  einen  langsameren  Schritt  nahm,  dort,  wo  das  Niederdeutsche
von  der  Volksmundart  wieder  ausgesogen  ward,  Rückschritte  machte.
Wer  daher  die  jütische  Mundart  als  einen  Hort  des  Dänentums  betrachtet,
  muß  in  der  Einführung  des  Hochdeutschen  das  größte  Glück
sehen,  das  jenem  zuteil  werden  konnte.  Wäre  der  Sprachwechsel  auch
nur  ein  Jahrhundert  später  geschehen  und  hätte  die  Herrschaft  des
Niederdeutschen  in  allen  amtlichen  Beziehungen  noch  solange  gedauert,
so  würde  nicht  allein  Mittelschleswig,  sondern  auch  der  größte  Teil
Nordschleswigs,  ebenso  wie  Eidersted  sein  friesisches,  längst  sein  jütisches
Volkstum  verloren  haben.  )

Bei  näherer  Betrachtung  der  späteren  sprachlichen  Entwickelung
darf  man  indes  einen  Umstand  nicht  außer  acht  lassen,  der  für  die  Folge
sich  als  bedeutsam  erweist.  Die  niederdeutsche  Sprache  war  freilich
aus  den  Amtsstuben  und  der  Literatur,  aus  Kirche  und  höherer  Schule
verschwunden,  aber  nicht  alsbald  aus  dem  Munde  des  Volkes,  selbst
nicht  ganz  aus  dem  Munde  der  Gebildeten.  Wie  diese  sie  als  Neben-1)

  Richtig  urteilt  der  eifrig  dänische  Angelbo  (ein  früherer  dänischer  Geistlicher
  in  Angeln)  Provindsialester.  1860.  4.  356,  wenn  er  bemerkt:  „Wäre
nicht  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  Hochdeutsch  statt  Plattdeutsch  in  der
Kirche  eingeführt,  so  hätte  es  übel  ausgesehen  für  unsere  Muttersprache,  und
vielleicht  würde  bereits  seit  langer  Zeit  keine  Spur  mehr  davon  übrig  geblieben
sein.  Wir  müssen  daher  Stephan  Klotz  in  hohen  Ehren  halten  für  seine  Verdienste
  in  dieser  Hinsicht.“  Siehe  S.  368  ff.