G.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis  zur  Volkssprache.  389

sprache  des  Hochdeutschen  redeten  bis  tief  ins  19.  Jahrhundert  hinein  1),
so  sprach  das  Volk  in  weiten  Gegenden  Mittelschleswigs  außer  den
Städten  sie  als  Nebensprache  ihrer  Mundart;  hier  blieb  sie  die  Sprache
des  Verkehrs  mit  Fremden  und  mit  der  städtischen  Bevölkerung.  Dieses
zweisprachige  Wesen  insbesondere  in  Angeln  und  in  den  westlichen  Landschaften
  läßt  auch  erst  begreifen,  wie  die  Geistlichkeit  später  in  ihm  ein
Mittel  zur  Förderung  kirchlicher  Zwecke  finden  konnte.  Wir  werden
im  folgenden  sehen,  wie  die  Kirche  sich  vergeblich  mit  dem  hochdeutschen
Katechismusunterricht  abmühte,  wo  ihm  fast  überall  die  nötige  Vorbedingung
  d.  h.  der  hochdeutsch  unterrichtende  Schulmeister  fehlte,  und
so  setzt  in  dem  letzten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  eine  merkwürdige
neue  Bewegung  für  das  Niederdeutsche  ein,  von  der  Geistlichkeit
zuerst  und  später  von  einsichtigen  Schulmeistern  gefördert,  um  damit
der  leichteren  Aneignung  des  Hochdeutschen  zu  dienen,  den  hochdeutschen
  Konfirmationsunterricht  fruchtbarer  zu  machen  und  die  hochdeutsche
Predigt  dem  Volke  zum  besseren  Verständnis  zu  bringen.

6.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis
zur  Volkssprache.))

Die  Kirchensprache,  wie  sie  sich  in  dem  ersten  Jahrhundert  nach
der  Reformation  ausgebildet  hatte,  stand  nicht  in  einem  Gegensatze  zu
der  Sprache  des  Volkes  und  demgemäß  auch  nicht  zu  der  Sprache
der  Schulen,  soweit  diese  damals  vorhanden  waren.  In  den  höheren
städtischen  Lehranstalten  herrschte  das  Niederdeutsche  neben  dem  Lateinischen
  und  in  den  „dudeschen’'  Schulen  allein.  Auch  in  den  Küster-1)

  Von  den  Gebildeten  ward  allgemein  um  1800  plattdeutsch  gesprochen.
Schumacher:  Genrebilder  aus  dem  Leben  eines  70jährigen  Schulmannes  1841
S.  335:  „Wenn  sie  so  recht  entre  elles  waren,  sprachen  sie  gerne  plattdeutsch“.
Bis  zum  Jahre  1848  behielt  das  Platideutsche  durchweg  diese  Stellung  in  den
gebildeten  Kreisen.

2)  Die  amtlichen  Verfügungen  und  Ordnungen  finden  sich  zusammengestellt
bei  Rendtorff:  Die  Schl.-Holst.  Schulordnungen  vom  16.  bis  zum  Anfang  des
19.  Jahrh.  Kiel  1902.  Nur  die  sprachlich  verdorbene  Schulordnung  Christians  III.
bedarf  noch  einer  weiteren  kritischen  Bearbeitung.