392  G.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis  zur  Voltssprache.

Von  diesem  allgemein  als  selbstverständlich  geltenden  und  von
keiner  Seite  angefochtenen  Standpunkte  aus  läßt  sich  das  Verhalten
der  geistlichen  und  weltlichen,  aller  maßgebenden  Oberbehörden  des
18.  Jahrhunderts  vollständig  begreifen  und  nicht  weniger  rechtfertigen,
wenn  sie  immer  und  immer  auf  hochdeutschen  Katechismusunterricht
dringen;:  es  läßt  sich  dann  auch  erst  verstehen,  wie  sie  über  die  gänzliche
Unwissenheit  der  Kinder  klagen,  über  das  rein  mechanische,  jedes  Verständnis
  entbehrende  Auswendiglernen  des  Katechismus  jammern,  wo
es  keine  Lehrer  gab,  die  selber  das  Hochdeutsche  oder  die  deutsche
Literatursprache  verstanden.  Aus  rein  kirchlichen  Interessen,  im  Interesse
  des  Verständnisses  der  hochdeutschen  Kanzelsprache  und  dann  auch  des
Konfirmationsunterrichts  beginnen  die  Behörden  einen  Kampf  gegen  die
Volkssprache  in  den  Schulen,  nicht  bloß  gegen  die  jütische,  sondern  ebensosehr
  gegen  die  friesische  und  niederdeutsche  Mundart  der  sprachlich  gemischten
  Gegenden,  der  so  lange  dauern  und  dabei  doch  erfolglos  bleiben
mußte,  als  ihnen  der  hochdeutsch  redende  Schulmeister  sehlte.  In  allen
diesen  Kämpfen  von  nationalen  und  politischen  Motiven  bei  Männern
zu  reden,  deren  Loyalität  unzweifelhaft  ist,  war  nur  zu  einer  Zeit
möglich,  wo  politischer  und  nationaler  Fanatismus  auch  den  Blick  sonst
tüchtiger  Forscher  vollständig  trübte  und  unfähig  machte,  geschichtlich
gewordene  Verhältnisse  mit  Unbefangenheit  zu  betrachten.  In  der  Tat,
wenn  die  Behörden  in  kluger  politischer  Berechnung  sich  die  Schule
zum  Werkzeug  der  Germanisierung  gewählt  hätten,  so  hätten  sie  blind
sein,  deren  wirklichen  Zustand  nicht  kennen  und  dabei  nicmals  gegen
das  Niederdeutsche,  sondern  allein  gegen  das  Jütische  zu  Felde  ziehen
müssen.  Und  doch  erfahren  wir  aus  allen  Berichten  der  Geistlichkeit,
  wie  völlig  unbrauchbar  das  damalige  Landschulwesen  zur  Durchführung
  solch  unheimlicher  Pläne  war,  die  sich  zum  Besten  des  Hochdeutschen
  in  demselben  Maße  gegen  das  Niederdeutsche  und  Friesische
wie  gegen  das  Jütische  richteten.

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  die  äußere  Lage  des  Landschulwesens  im
18.  Jahrhundert  1)  bis  ins  einzelne  darzulegen;  sie  war  im  ganzen  nicht

1)  Für  das  14.  Jahrhundert  geben  die  Ossitationsberichte  der  Gottorper
Generalsuperintendenten,  Jacob  Fabricius,  des  Alteren  und  des  Jüngeren,
(1631—  1647)  Aufnärung,  Landesberichte  1846.  16  ff.