416  6.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis  zur  Bolkssprache.

fassen  und  wenn  auch,  die  Fragen  des  Predigers  aus  Ungeübtheit  im
Deutschsprechen  nicht  beantworten.  Hätten  sie  auch  ziemlich  viel  Deutsch
gelernt,  nach  der  Konfirmation  vergäßen  sie  es  wieder  aus  Mangel
an  Ubung,  und  deswegen  verständen  sie  das,  was  sie  in  der  Kirche  hörten,
selbst  die  kürzesten,  simpelsten  Anzeigen,  entweder  gar  nicht  oder  falsch.

Von  einiger  Bedeutung  ist,  daß  wir  in  eigentlich  friesischen
Gegenden,  wo  doch  die  Volkssprache  dem  Hochdeutschen  noch  ferner
stand  als  in  den  jütischen  und  die  Schwierigkeiten  beim  Unterricht
ebenso  groß  waren,  auf  keine  besonderen  Klagen  stoßen;  der  Grund
ist  in  der  herrschenden  Kenntnis  des  Niederdeutschen  zu  suchen,  das
in  weiten  Gebieten  wie  in  Eidersted  das  Friesische  schon  ganz  zurückgedrängt
  hatte.  Die  wiederholte  Beziehung  auf  die  Stellung  des
Niederdeutschen  in  den  jütischen  Gebieten,  die  in  den  Berichten  der
Prediger  hervortritt,  weist  auf  die  besondere  Bedeutung  hin,  die  dieses
damals  für  die  Schul=  und  Kirchensprache  gewonnen  hatte.

Dies  führt  uns  auf  eine  ganz  merkwürdige  Bewegung  zugunsten
der  niederdeutschen  Sprache,  die  anfänglich  nur  der  hochdeutschen  Kirche
und  Schule  dienen  wollte,  in  späteren  Zeiten  aber  für  Angeln  eine
wichtige  nationale  Bedeutung  erlangte.

Während  man  lange  seitens  der  Kirche  im  Interesse  des  hochdeutschen
  Katechismusunterrichts  auch  das  Niederdeutsche  in  den  Schulen
bekämpft  hatte,  hatte  sich  allmählich  die  Erkenntnis  Bahn  gebrochen,
der  Übergang  zum  Hochdeutschen  oder  richtiger  das  Verständnis  des
Hochdeutschen  in  Schule  und  Kirche  werde  am  leichtesten  durch  die
Vermittelung  des  Niederdeutschen  zu  erreichen  sein;  die  Erfahrungen.
die  man  nicht  nur  in  dem  doppelsprachigen  Friesland,  sondern  auch
in  dem  niederdeutschredenden  Südschleswig  gemacht  hatte,  sprachen
zu  laut,  als  daß  man  dafür  die  Augen  hätte  verschließen  können.  Die
Bewegung  setzte  etwa  um  das  Jahr  17090  ein,  als  einzelne  einsichtige
Geistliche  anfingen,  die  Eltern  jütischredender  Gemeinden  zu  ermahnen,
zum  leichteren  Verständnis  des  hochdeutschen  Katechismusunterrichts
mit  ihren  Kindern  plattdeutsch  zu  reden.  Ein  solcher  Gedanke  konnte
aber  nur  da  aufkommen,  wo  die  Eltern  selber  des  Niederdeutschen
kundig  waren:  er  setzt  in  weiten  Gebieten  Mittelschleswigs,  insbesondere
auch  in  Angeln,  eine  doppelsprachige  Bevölkerung  voraus  und  knüpft
an  die  ältere  Entwickelung  wieder  an,  die  durch  die  Einführung  des