Das  Niederdeutsche  als  Kindersprache  in  Mittelschleswig.  419

jütischen  Mundart  über.!)  Je  weiter  nach  Norden  nahm  die  Bewegung
einen  langsameren  Gang.  In  dem  uns  bekannten  Nord-Hacksted2)
wurden  im  Jahre  1843  die  Eltern  bei  Gelegenheit  einer  Visitation  durch
Propst  und  Amtmann  ermahnt,  zur  Beihilfe  der  Lehrer  mit  ihren
Kindern  im  Hause  „statt  des  korrumpirten  Dänisch“  deutsch  d.  h.  plattdeutsch
  zu  sprechen.  Eine  solche  Aufforderung  hat  nur  dann  einen
Sinn,  wenn  die  Eltern  eben  dieser  Sprache  neben  ihrer  gewöhnlichen
Mundart  kundig  waren.  Und  dieses  zweisprachige  Wesen  sollte  20  Jahre
früher,  als  Mumsen  seinen  Bericht  schrieb,  nicht  bestanden  haben?
Über  Walsbüll  und  Handewith  erfahren  wir  nichts  Näheres.s)  Was
Bau  angeht,  so  sprachen,  wenn  der  oben  erwähnte  dänisch  gefärbte
Bericht  auf  voller  Wahrheit  beruht,  die  Eltern  im  Jahre  1840  noch
nicht  niederdeutsch  mit  ihren  Kinden.  Weniger  als  der  Osten  nahm
der  Westen  an  dieser  Bewegung  teil;  in  den  westlichen  Harden  des
Amtes  Flensburg  und  in  den  jütischen  Gebieten  des  Amtes  Tondern
konnte  sie  nur  gering  sein,  weil  hier  die  Bekanntschaft  mit  dem  Niederdeutschen
  nicht  in  dem  Maße  bei  den  Eltern  vorauszusetzen  war.  Anders
standen  die  Verhältnisse  in  den  Amtern  Bredsted  und  Husum;  hier
wurden  die  Kirchspiele  Schwesing  und  Olderup,  Joldelund  und  Viöl  nach
und  nach  davon  erfaßt.  In  letzterem  beginnt  die  Bewegung  mit  dem
Jahre  1836  und  setzt  sich  dann  bis  zum  Jahre  1848  fort.  Durch
den  fast  täglichen  Verkehr  der  Viöler,  berichtet  der  Pastor  Hansen
1846,  in  Husum  und  Bredsted,  wo  nur  (platt)deutsch  gesprochen  werde,
sei  es  jetzt  dahin  gekommen,  daß  die  gesamte  männliche  Einwohnerschaft
  mit  Einschluß  des  jüngeren  Teils  des  weiblichen  Geschlechts  außer

1)  In  der  Ständeversammlung  vom  Jahre  1853/54  wurde  die  völlige
Richtigkeit  dieser  Angaben  von  dem  Präsidenten  Schmidt  bezweifelt;  er  sei  in
dem  Kirchspiel  aufgewachsen,  kenne  jedes  Haus  und  jede  Familie  und  müsse  bei
seiner  Ansicht  stehen  bleiben,  daß  hier  die  Einwohner  unter  40  Jahren  plattdeutsch,
  die  über  40  Jahren  öfter  „dänisch“  redeten.  Ständezeitung  654  ff.

2)  Siehe  über  Nord-Hacksted  oben  S.  352  u.  414.

3)  Jensen  bemerkt:  Wie  wenig  um  die  Mitte  des  vorigen  (lachtzehnten)
Jahrhunderts  in  Handewith  deutsch  (plattdeutsch?)  verstanden  wurde,  darüber
habe  ich  einen  Bericht  gelesen,  ich  meine  von  Ambrosius  (Prediger  1755—  1759),
der  sich  in  einem  Convolut  befindet,  das  von  Rektor  Moller  gesammelt  und
im  Rundtofter  Archiv  vorhanden  ist,  enthaltend  Nachrichten  über  die  einzelnen
Kirchspiele  der  Propstei  Flensburg.

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