422  G.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis  zur  Vollssprache.

durch  besseren  Unterricht  dieselben  dazu  vorbereiten  wollte)  überhaupt
viel  für  das  Schulwesen  geschah,  wurde  es  eine  Zeitlang  in  den  Schulen
eingeführt,  daß  die  Kinder  auch  unter  sich  hochdeutsch  sprechen  sollten,
aber  diese  Maasregel  blieb  nicht  von  Bestand.“  Man  sieht.  Jensen
spricht  hier  überall  von  vergangenen  Zeiten,  deren  Mängel  und  Übelstände
  bereits  größtenteils  überwunden  waren;  er  hat  wohl  nicht  erwartet,
  daß  noch  mehrere  Jahrzehnte  später  seine  Bemerkungen  gemißbraucht
  und  so  gedeutet  werden  könnten,  als  wenn  die  anglische
niederdeutsche  Sprache  noch  auf  demselben  Standpunkt  stehe  als  am
Anfang  des  Jahrhunderts.  An  einer  anderen  Stelle  äußert  er  sich
dann  in  ganz  verständiger  Weise  über  den  Schulunterricht  in  diesen
gemischten  Gegenden.  1)  „Die  allermeisten  Einwohner  können  ebensogut
(nieder)  deutsch  als  dänisch  (jütisch)  sprechen,  und  es  ist  gerade  ein  sehr
allgemein  befolgter  Grundsatz,  mit  den  Kindern  und  jungen  Leuten  bis
zur  Konfirmation  hin  nur  (nieder)deutsch  zu  sprechen.  Es  kann  daher
der  Fall  selten  eintreten,  daß  die  Kinder  erst  in  der  Schule  das
Deutsche  lernen.  Es  würde  übrigens  ziemlich  gleichgültig  sein,  wie
es  sich  in  dieser  Beziehung  verhalten  mag.  Denn  überall,  sowohl  in
den  deutsch=  als  in  den  dänischredenden  Distrikten  müssen  die  Kinder
bei  dem  Anfang  des  Schulunterrichts  gewissermaßen  eine  fremde  Sprache
erlernen.  Die  Schriftsprache,  sie  mag  deutsch  oder  däuisch  sein,  weicht
allemal  von  der  Volkssprache  so  weit  ab,  daß  sie  einem  jeden,  der  sie
zuerst  hört  oder  liest,  wenn  er  bis  dahin  ganz  und  gar  nichts  anderes
kennt  als  die  Volkssprache,  vollkommen  als  eine  fremde  Sprache  erscheinen
  muß.“  Die  niederdeutsch  redenden  Kinder  in  Südschleswig
und  im  Holsteinischen,  um  nicht  von  den  zwei=  oder  dreisprachigen
Friesen  zu  reden,  waren  beim  Beginn  des  Unterrichts  ebenso  übel
daran,  wie  die  gesamten  Kinder  Mittelschleswigs,  die  niederdeutsch
gelernt  hatten,  denn  alle  mußten  und  viele  müssen  in  rein  niederdeutschen
  Gebieten  noch  heute  das  Hochdeutsche  in  den  Schulen  als
eine  fremde  Sprache  lernen.  Der  Schreiber  dieses  glaubt  über  die
Schwierigkeiten  dieses  Sprachunterrichts  und  die  Erlernung  des  Hochdeutschen
  in  früheren  Zeiten  ein  Urteil  zu  haben.  In  Ostholstein  auf
dem  Lande  ohne  jede  Berührung  mit  dem  Hochdeutschen  aufgewachsen,

1)  Archiv  S.  286  f.