Das  Niederdeutsche  als  Kindersprache  in  Mittelschleswig.  423

hat  er  dieses  in  den  Jahren  1843  und  ferner  in  einer  übrigens  guten
Dorsschule  als  eine  völlig  fremde  Sprache  erlernen  müssen.  Alle  die
seltsamen  Mißverständnisse,  die  uns  als  besondere  Eigentümlichkeiten  des
mittelschleswigschen  hochdeutschen  Schulunterrichts  und  als  eine  Art  Abschreckungsmittel
  immer  wieder  vorgeführt  werden,  hat  er  auch  in  seiner
holsteinischen  Heimat  nicht  weniger  erlebt  und  zum  großen  Ergötzen  seiner
Eltern  durchgemacht;  er  erinnert  sich  noch  genau,  wie  er  erfuhr,  adebar
werde  auf  hochdeutsch  „Storch“  und  pogg  „Frosch“  genannt,  und  meint
noch  das  Lachen  zu  hören,  als  er  sagte:  „Mudder,  storch  un  frosch
sünt  doch  ken  adebar  un  pogg,  se  het  blot  up  hochdütsch  so.“
Er  glaubt  auch,  daß  manche  Dorsschüler  das  Gebet:  „Herr  Jesus
Christ,  sei  du  unser  Gast“  auch  noch  heute  ebenso  wie  damals  verstehen:
  Herr  Jesus  Christ,  „sai  du  unsen  gastn“  (sä'  du  unsere  Gerste  0)

Schon  in  einzelnen  Berichten  ist  angedeutet,  daß  diese  niederdeutsche
  Kindersprache  in  den  mittleren  und  nördlichen  Gegenden  Mittelschleswigs
  lange  nur  Kindersprache  blieb;  die  jütische  Familiensprache
der  Eltern  und  überhaupt  der  Erwachsenen,  die  daneben  bestand,  war
der  Grund,  daß  sie  nach  der  Konfirmation,  um  diesen  gleichberechtigt
zu  erscheinen,  meist  auch  zu  der  älteren  Mundart  wieder  übergingen.
„Nur  Kinder  reden  (nieder)  deutsch,  wenn  man  ein  Kerl  geworden,
darf  man  dänisch  reden  und  seine  Pfeife  raucheu  (at  tale  dansk  og
ryge  sin  pibe)“,  soll  eine  gewöhnliche  Redensart  der  jungen  Angler
vor  1848  gewesen  sein;  ich  weiß  nicht.  ob  dies  allgemein  der  Fall
gewesen  ist,  aber  jedenfalls  wird  damit  für  einen  großen  Teil  der
Landschaft  der  wirkliche  Sachverhalt  richtig  bezeichnet.  Solange  aber
eine  solche  Anschauung  und  ein  solcher  Wechsel  der  Sprache  herrschte,
kann  von  politischen  oder  deutschnationalen  Motiven,  von  einer  völligen

1)  Cl.  Harms:  Verm.  Schriften  191  ff.  gibt  in  einer  Unterredung  eines
Bauern  mit  seinem  Prediger  eine  ergötzliche  Probe  solcher  Mißverständnisse.
Schlimmer  konnte  es  doch  kaum  einem  jütischredenden  Bauern  ergehen,  weun
er  mit  seinem  hochdentschen  Prediger  verhandelte.  Die  dänischerseits  viel  zitierten,
einem  Angler  in  den  Mund  gelegten  Worte:  „Mit  dat  hochdytsche  wil  dat
nicht  recht  fort.  Da  is  aapenbar  ken  setzen  daby.  Von  de  coufirmatschon
af  geit  dat  krebsgang,  un  wenige  jaahr  wider  hen  sind  de  lyd  eben  so  wit,
as  da  se  erst  in  de  schol  kamen.  Da  siod  so  vol  winkelhanken  un  snörkelien
an  desse  spraak",  lassen  sich  nicht  bloß  in  Angeln,  sondern  auch  in  Holstein
um  jene  Zeit  auf  den  gemeinen  Mann  anwenden.