424  G.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis  zur  Volkssprache.

Germanisierung  nicht  die  Rede  sein;  von  einer  solchen  konnte  man
strenggenommen  da  erst  sprechen,  wo  das  Niederdeutsche,  zur  alleinigen
Männersprache,  d.  h.  zur  alleinigen  Volkssprache  geworden,  zugleich  die
jütische  Mundart  zum  völligen  Verstummen  gebracht  hatte.

Es  ist  in  früheren  Zeiten  ein  heftiger  Streit  darüber  ausgefochten,
  wie  weit  vor  dem  Jahre  1848  oder  1850  das  Niederdeutsche
in  Angeln  bereits  zur  Alleinherrschaft  gelangt  sei,  oder  wie  weit  das
Jütische  noch  seinen  alten  Stand  behauptet  habe,  und  es  sind  darüber
die  widersprechendsten  Urteile,  je  nach  dem  Standpunkte,  den  die  Berichterstatter
  einnahmen,  abgegeben.  Die  einen  heben  mit  Verwunderung
hervor,  daß  trotz  der  langdauernden  deutschen  Herrschaft,  trotz  hochdeutscher
  Regierungs-,  Gerichts-,  Kirchen=  und  Schulsprache  verhältnismäßig
  wenig  für  das  Deutschtum  gewonnen  und  im  wesentlichen  erst
auf  einem  schmalen  Striche  Angelns  an  der  Schlei  entlang  das  Jütische
ganz  verdrängt  sei;  sie  beachteten  nicht  die  bedeutsame  Stellung,  die
sich  die  niederdeutsche  Sprache  daneben  in  ganz  Mittel=  und  Nordangeln
  errungen  hatte  und  weisen  zugleich  der  hochdeutschen  Sprache
eine  Aufgabe  zu,  die  sie  niemals  gehabt  hatte,  noch  überhaupt  haben
konnte;  sie  erkannten  nicht,  daß  die  beginnende  Germanisierung  gerade
durch  die  Einführung  des  Hochdeutschen  unterbrochen  und  die  germanisierende
  Kraft  des  Niederdeutschen  dadurch  geschwächt  ward,  indem
dieses  als  bloße  Mundart  fortan  der  alten  jütischen  Mundart  gegenüberstand.
  Haben  wir  doch  gesehen,  wie  der  mundartliche  Schulunterricht,
  der  während  des  ganzen  18.  Jahrhunderts  in  weiten  Gebieten
  das  Niederdeutsche  stärkte,  aus  dieser  Stellung  von  dem  Hochdeutschen
  verdrängt  ward.  Es  gab  andere  Stimmen,  die  ganz  Angeln
für  das  Deutschtum  in  Anspruch  nahmen  und  von  einer  jütischen
Sprache  daselbst  nichts  mehr  wissen  wollten;  auch  diese  konnten  sich
darauf  berufen,  daß  überall  Kinder  und  Erwachsene  des  Niederdeutschen
völlig  mächtig  seien  und  zum  Teil  unter  sich,  immer  aber  im  Verkehr
mit  Fremden  und  Städtern  nur  dieser  Sprache  sich  bedienten.  „Fragt
man  die  Kinder“,  berichtet  der  eine,  „so  reden  sie  plattdeutsch;  fragt
man  die  Alten,  so  antworten  sie  plattdeutsch;  und  nun  kommen  noch
Leute,  die  bestreiten,  daß  Angeln  nicht  vollkommen  deutsch  sei?"  Aber
auch  sie  beachteten  die  sprachliche  Entwickelung  Mittelschleswigs  nicht;
sie  hatten  keine  Vorstellung  von  jenem  doppelsprachigen  Wesen  und