Niederdeutsch  und  Jütisch  in  Angeln.  425

hörten  niemals,  auch  nicht  im  mittleren  und  nördlichen  Angeln,  die
jütische  Mundart  mehr,  die  meist  sozusagen  zur  engeren  Familiensprache
  und  zur  Gardinensprache  der  Alten  geworden  war.

So  erhoben  denn  in  vollem  Gegensatze  dazu  wieder  andere  den
lauten  Ruf,  die  „uralte  dänische  Volkssprache“  sei  in  Angeln  bei
weitem  nicht  völlig  ausgestorben;  wo  man  auch  hinkomme,  fast  ganz
bis  an  die  Schlei  und  im  Westen  bis  nahe  an  Husum  heran  finde
man  noch  einige  Spuren,  wenn  man  nur  genau  darauf  achte;  es  sei
nur  nötig,  sie  durch  geeignete  Maßregeln  zu  neuem  Leben  zu  erwecken;
jenes  verschrieene  Patois,  jenes  korrumpierte  Dänisch,  jenes  widerwärtige
Gemisch,  von  dem  die  Deutschen  redeten,  sei  nichts  als  ein  noch  immer
grünender  Zweig  jener  uralten  dänischen  Sprache,  die  von  Arilds
Zeiten  hier  im  Lande  geblüht  und  nur  durch  das  Unrecht  der  Zeiten,
durch  heimtückische  Maßregeln  der  deutschen  Regierungs=  und  Kirchenbehörden
  ihres  natürlichen  Rechtes  beraubt  sei.  Indem  sie  die
westjütische  Mundart  Schleswigs  ohne  Grund  für  das  Dänentum  in
Anspruch  nahmen,  sahen  sie  in  der  niedrigen  Stellung,  die  hier  diese
Mundart  einnahm,  eine  Erniedrigung  des  Dänischen  überhaupt  und
glaubten  durch  Einführung  der  dänischen  Literatursprache  eine  neue
Blüte  des  alten  „dänischen“  Volkstums  hervorrufen  zu  können.  Aber  sie
beachteten  nicht,  daß  in  Mittelschleswig,  besonders  in  Angeln  nicht  mehr
neben,  sondern  bereits  über  der  jütischen  Mundart  das  Niederdeutsche
stand,  das  in  seiner  Stellung  um  so  weniger  zu  erschüttern  war,  als
es  durch  eine  jahrhundertlange  Entwicklung  seinen  Platz  errungen  hatte,
als  die  Sprache  des  allgemeinen  Verkehrs  und  zum  Teil  schon  als
Männersprache,  überall  aber  als  Kindersprache  herrschend  geworden
war.  Wie  sollte  es  unter  solchen  Umständen  möglich  sein,  sich  über
die  rein  deutschen  oder  die  rein  jütischen  oder  über  den  Umfang  der
gemischten  Distrikte  zu  einigen?  Wie  war  der  Begriff  Muttersprache
festzustellen,  wo  es  kaum  einsprachige,  meist  doppelsprachige,  ja  im
Westen  dreisprachige  Dörfer,  ja  Häuser  gab?  Mehr  noch  als  heute
gingen  an  den  Grenzen  Mittel=  und  Nordschleswigs  die  Sprachen
durcheinander;  der  Vater  sprach  mit  den  Kindern  plattdeutsch,  die
Mutter  mit  ihnen  jütisch  oder  auch  umgelehrt,  je  nachdem  sie  der
einen  oder  der  anderen  Mundart  mächtiger  waren,  und  dies  hing
wesentlich  von  ihren  ursprünglichen  Heimats=  und  Familienverhältnissen