426  6.  Die  Sprache  der  Schule  und  ihr  Verhältnis  zur  Bolkssprache.

ab,  ob  etwa  der  Mann  eine  Meile  südlich  von  seinem  Wohnorte  geboren
  war  und  zur  Zeit  seiner  Verheiratung  schon  mehr  plattdeutsch
als  jütisch  redete  oder  ob  die  Frau  an  einem  noch  jütischredenden
Wohnorte  aufgewachsen  war  oder  aus  einem  etwas  nördlicheren  Orte
stammte  und  daher  lieber  jütisch  weiter  sprach,  wenn  sie  auch  mit
dem  Plattdeutschen  einigermaßen  fertig  zu  werden  wußte.  Aus  diesen
Verhältnissen  lassen  sich  die  ganz  verschiedenen  Schätzungen  über  den
Umfang  der  einzelnen  Sprachgebiete  begreifen,  auch  wenn  man  ganz
von  dem  politischen,  immer  befangenen  Standpunkt  der  Verfasser  der  Aufstellungen
  absieht.  Nach  Paulsen  redeten  z.  B.  von  den  338192
Einwohnern,  die  die  Zählung  vom  Jahre  1835  für  den  damaligen
Umfang  des  Herzogtums  ergab,  138717  dänisch,  d.  h.  jütisch  als  ihre
Muttersprache,  und  dazu  rechnet  er  noch  36  341  Einwohner,  die  das
„Dänische“  meistens  verständen  und  zum  Teil  noch  sprächen.  Von
den  „Dänischredenden“  seien  dabei  45  461  zugleich  der  deutschen  (plattoder
  hochdeutschen)  Sprache  mehr  oder  weniger  kundig,  die  übrige
nordschleswigsche  Bevölkerung  mit  dänischer  Kirchen=  und  Schulsprache
(113  256),  d.  h.  etwa  ⅛  der  ganzen  Bevölkerung,  der  deutschen  Sprache
ganz  fremd.  Nach  Geerz  umfaßte  nach  der  Zählung  von  1855  das
deutsche  Sprachgebiet  mit  Einschluß  des  friesischen  226  892,  das
dänische  91034,  das  gemischt  deutsch-dänische  77934  Einwohner.
Eine  dänische  Denkschrift  aus  dem  Jahre  1860  weist  der  deutschen
Sprache  177000,  der  dänischen  135000,  dem  gemischten  Distrikte
82000  Einwohner  zu;  nach  einer  Depesche  des  dänischen  Ministers
vom  5.  April  1864  war  dagegen  Schleswig  wieder  ein  wesentlich
dänisches  Land,  wo  die  dänische  Sprache  für  zwei  Dritteile  der  Bevölkerung
  die  Muttersprache  sei  und  nur  ein  Dritteil  deutsch  rede.  )
Diese  und  andere  Angaben  bilden  freilich  für  eine  sprachgeschichtliche
Untersuchung  keine  sichere  Grundlage,  haben  aber  insofern  eine  Bedeutung,
  als  sich  die  Anschauungen  jener  Zeit  darin  wiederspiegeln.

Noch  immer  war  die  mundartliche  Volkssprache  den  politischen
Einflüssen  ferngeblieben;  sie  hatte  auch  keine  nationale  Bedeutung,
wenigstens  noch  nicht  im  Bewußtsein  des  Volkes,  gewonnen;  wo  der

1)  Über  die  verschiedenen  Schätzungen  handelt  ausführlich  R.  Böckh:  Der
Deutschen  Volkszahl  und  Sprachgebiet  in  den  europ.  Staaten  1870.  Vergl.
Adler  a.  a.  O.  48,  der  sie  zusammenstellt.