Niederdeutsch  und  Jürisch  in  Angeln.  427

Streit  entbrannt  war,  handelte  es  sich  nur  um  die  hochdeutsche  oder
dänische  Literatursprache  als  Kirchen-,  Schul=  und  Gerichtssprache,
und  auch  dieser  Streit  ward  erst  künstlich  ins  Volk  getragen.  1)  Es
muß  mit  allem  Nachdruck  betont  werden,  daß  in  ganz  Mittelschleswig
die  Bevölkerung  sich  völlig  in  die  gewordenen  Verhältnisse  eingelebt
hatte;  der  Gebrauch  der  deutschen  Sprache  in  den  Schulen  und  in
den  Kirchen  hat  nirgend  in  den  Landgemeinden  irgend  einen  Widerspruch
  oder  eine  Beschwerde  hervorgerufen,  die  auf  eine  Veränderung
abgezielt  hätte.  Selbst  in  den  südlichen  Kirchspielen  des  Amtes  Tondern
  fühlte  man  sich  mit  den  herkömmlichen  Einrichtungen  völlig  zufrieden;
  als  um  das  Jahr  1846  die  Kirchenvisitatoren  eine  Vernehmung
sämtlicher  Eingesessenen  veranlaßten,  gab  es  nur  drei  Personen,  die
sich  für  Einführung  dänischer  Kirchen=  und  Schulsprache  erklärten.
Ganz  anders  mußten  die  Verhältnisse  besonders  in  Mittelschleswig
werden,  als  der  politische  Streit  ins  Volk  getragen,  als  die  jütische
Mundart  für  echtes  altes  Dänisch  erklärt  ward,  der  überall  dänische
Schul=  und  Kirchensprache  entsprechen  müsse.  Es  mußte  dadurch  ein
Gegenschlag  hervorgerufen  werden,  der  die  niederdeutsche  Sprache  auf
den  Kampsplatz  rief,  der  sie  mit  deutschnationalem  Bewußtsein  erfüllte
  und  in  den  schärfsten  Gegensatz  zu  der  zu  Dänisch  erhobenen
jütischen  Mundart  brachte,  mit  der  sie  jahrhundertelang  friedlich  in
einem  Hause  und  unter  einem  Dache  zusammen  gewohnt  hatte.

Die  Jahre  kurz  vor  1848,  besonders  aber  das  Jahr  1848,  der
Beginn  der  schleswig  -holsteinischen  Erhebung,  bildet  in  der  Tat  einen
Wendepunkt  in  den  Sprachverhältnissen  des  mittleren  Schleswigs;  aber
niemals  würde  er  so  rasch  und  so  erfolgreich  eingetreten  sein,  wenn
nicht  die  dänische  Regierung  wider  ihren  Willen,  aber  in  völliger  Verblendung
  dieser  sprachlichen  Bewegung  die  stärkste  aller  Waffen  in  die
Hand  gedrückt  hätte.

1)  Wer  die  Stimmung  der  Bevölkerung  auch  im  Norden,  im  Amte  Hadersleben
  und  Apeurade,  kennen  lernen  will,  möge  eine  Reihe  von  öffentlichen  Erklärungen
  der  Bauerschaften  in  Wilstrup,  Bjerning,  Aastrup,  Hostrup,  Sterup,
Schottburg  und  dem  Kirchspiele  Loit  u.  a.  in  der  Haderslebener  Wochenschrift
Lyna  v.  J.  1844  nachlesen.