Die  Sprachverhältuisse  in  Angeln.  435

des  folgenden  Jahrzehnts  zu  einer  Höhe  der  Erbitterung,  wie  er  sie
in  den  Jahren  des  Sprachstreits  von  1840  —  1850  niemals  erreicht
hatte;  er  ward  ausgefochten  in  dem  täglichen  Leben  der  Bevölkerung
und  trat  in  zahlreichen  Flugschriften  und  in  den  Tagesblättern  sowie
in  den  Verhandlungen  der  Provinzialständeversammlung  zutage,  von
denen  hauptsächlich  die  letzteren  die  Aufmerksamkeit  weiter  Kreise  nicht
bloß  in  dem  stammverwandten  und  mitfühlenden  und  mitleidenden
Deutschland,  sondern  auch  im  Auslande  zum  großen  Leidwesen  der
dänischen  Regierung  auf  sich  zogen.

Um  das  Verhalten  der  herrschenden  Regierung  und  ihrer  eiderdänischen
  Vertreter  zu  begreifen,  muß  man  sich  stets  das  nationale
Ziel  vor  Augen  halten,  das  sie  mit  eiserner  Konsequenz  verfolgten.
Das  dänische  Volk  glaubte  ein  Recht  darauf  zu  haben,  die  angeblich
seit  Jahrhunderten  unterdrückte  Muttersprache  von  ihrem  Bann  zu  erlösen;
  alle  Welt  war  davon  überzeugt,  daß  die  jütische,  von  den  Deutschen
verschrieene  Mundart  nichts  anders  sei  als  ein  Zweig  jener  uralten
dänischen  Heldensprache,  die  seit  Arilds  Zeiten  bis  an  die  Schlei  und
noch  darüber  hinaus  geherrscht  hatte.  1)  Bewunderungswert  ist  der
Eifer,  mit  dem  Gelehrte  und  Ungelehrte  ihre  Spuren  verfolgten,  bewunderungswert
  das  Bestreben,  selbst  wissenschaftlich  das  mühsam  ge-1)

  Daß  sich  die  allgemeine  Meinung  gegen  frühere  Anschauungen  geändert
hatte,  war  hauptsächlich  dem  Einfluß  gelehrter  Kreise  zuzuschreiben.  Um  den
Gegensatz  noch  einmal  hervorzuheben,  möge  ein  Bericht  hier  Platz  finden,  der
sich  an  ein  Erlebnis  König  Christians  VIII.  im  Jahre  1845  knüpft.  An  einem
Orte  zwischen  Flensburg  und  Dagebüll  richtete  der  König  einige  Worte  an  ein
festlich  gekleidetes  Mädchen,  um  die  Sprache  zu  erfahren,  die  die  Leute  in  dieser
Gegend  redeten.  Er  fragte  auf  däuisch  und  bekam  keine  Autwort,  er  wiederholte
  seine  Frage  auf  deutsch,  aber  erhielt  wieder  keine  Antwort.  „Wie  werde
ich  doch  zu  wissen  bekommen,  was  das  für  eine  Sprache  ist,  die  die  Leute  hier
reden?“  rief  er  ungeduldig  aus  und  waudte  sich  an  den  ihn  begleitenden  Amtmann
  v.  Warnstedt  aus  Flensburg.  „Sie  reden  weder  dänisch  noch  deutsch“,
antwortete  dieser,  „sondern  eine  wunderliche  Mischung  von  allem  Möglichen.  Ihre
Sprache  ist  ein  Rest  des  alten  Angelsächsischen,  das  von  ihren  Vorfahren,  den
Angeln,  gesprochen  ward,  die  übers  Meer  zogen  und  England  eroberten.“  Der
König  schwieg  und  gab  sich  ganz  seinen  Gedanken  über  die  Rede  hin:  vielleicht
hatte  ihm  jemand  früher  berichtet,  daß  hier  in  Angeln  Dänen  seit  Arilds  Zeiten
wohnten.

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