Die  Reste  der  jütischen  Mundart  in  Angeln.  441

dabei  in  geschickter  Weise  äußerte  sich  der  Präsident  Schmidt,  als
Vertreter  der  Universität;  er  sei  ein  Freund  der  Geschichte,  aber  man
könne  in  politischen  Dingen  nicht  auf  Zustände  zurückgehen,  die  der
Lauf  der  Geschichte  vernichtet,  und  sich  für  eine  Verbindung  der  Herzogtümer
  nicht  stützen  auf  die  unpolitischen  gemeinschaftlichen  Angelegenheiten,
  als  einen  Rest  der  früheren  Zeit,  um  darauf  eine  Verbindung
zu  begründen;  denselben  Grundsatz  halte  er  auch  für  die  Sprachsache  fest:
die  Geschichte  habe  die  „dänische“  Sprache  in  Angeln  bis  auf  geringe
Reste  vernichtet;  man  dürfe  sich  nicht  darauf  berufen,  um  die  „dänische
Literatursprache“  einzuführen.  Er  traf  damit  den  schwachen  Punkt
der  dänischen  Bestrebungen.  Um  sich  einen  festen  Boden  zu  verschaffen,
auf  dem  man  ein  neues  dänisches  Volkstum  aufbauen  könnte,  wurden
die  Reste  der  jütischen  Mundart,  die  man  noch  vorfand,  in  hohem
Maße  aufgebauscht.  1)  Man  traf  aber  bei  allen  diesen  nationalen  Bemühungen
  auf  zwei  gefährliche  Gegner,  auf  die  plattdeutsche  Sprache
und  auf  die  Gesinnung  des  Volkes.

Über  die  damaligen  Sprachverhältnisse  in  Angeln,  insbesondere
auch,  inwieweit  das  Jütische  noch  im  Gebrauch  war,  gibt  das  obenangeführte
  Minoritätsvotum  zuverlässige  Auskunft;  hier  genügt  es,
eine  Vorstellung  davon  zu  geben,  mit  welchem  Eifer  man  daran  ging,
auch  den  geringsten  Überbleibseln  der  jütischen  Mundart  in  den  plattdeutschredenden
  Gegenden  nachzuspüren.  Ein  ganz  merkwürdiges  Beispiel
  davon  gibt  eine  Erzählung,  die  einem  Abnahmemann  M.  Carstensen,
  geboren  1793  in  Srsberg  im  Kirchspiel  Töstrup  und  seit
1826  in  Sterup  ansässig,  um  das  Jahr  1857  zugeschrieben  wird;  der
Verfasser  merkt  dabei  gar  nicht,  wie  gerade  seine  Darstellung  wider  Willen
einen  deutlichen  Beweis  von  den  geringfügigen  Resten  der  jütischen
Mundart  ablegt  und  das  Minoritätsvotum  der  Stände  völlig  bestätigt.)

„E  er  ferd  i  Orsbjerre  i  Tostrup  „Ich  bin  geboren  in  Orsberg  im
Sovn.  Min  Faer  boi  midt  emell  e  Kirchspiel  Töstrup.  Mein  Vater  wohnte
Praest  aa  e  Deen  ve  e  Kjerk.  Han  mitten  zwischen  deim  Prediger  und  Kü-1)

  Der  Präsident  Schmidt  setzt  sich  dabei  in  vortrefflicher  Weise  mit  den
Ausführungen  Hagerups  (Om  det  danske  sprog  in  Angel  1854)  auseinander.

2)  Allen  II.  395  ff.  Die  Erzählung  ist,  wie  man  sieht,  in  streng  dänischer
Orthographie  gegeben  und  hat  dadurch  eine  starke  dänische  Färbung  angenommen.
Uberall  steht  Dänisch  für  Jütisch  und  Deutsch  für  Plattdeutsch.