Das  Niederdeutsche  in  Angeln.  445

des  Deutschen  (Niederdeutschen),  eine  unausgetragene  Frucht  eines  in
tiesste  Erniedrigung  hinabgesunkenen  Geistes.  eine  Sprache,  die  diesen
Namen  nicht  verdient,  da  sie  ja  fast  von  allen  grammatischen  Formen
entblößt  ist,  eine  Mundart,  so  roh  und  ungebildet,  wie  nur  möglich.
Und  wie  könnte  man  auch  etwas  anderes  erwarten  von  einem  solchen
hausbackenen  Machwerk,  einer  seit  Menschengedenken  fabrizierten  Sprache,
die  von  Hochmut  ausgebrütet  und  von  Unwissenheit  groß  gezogen  ist?
—  Hier  haben  wir  vielmehr  das,  wozu  die  Deutschen  so  gerne  das
Angel-Dänische  (jütische  Mundart)  machen  wollen,  nämlich:  Rabendänisch,
  unverständliches  Zeug,  dänisch-deutsches  Patois  und  wie  es
sonst  heißt.  Ja,  es  ist  nicht  einmal  ein  Patois,  sondern  ein  unvollkommener
  Jargon,  ein  gehäuftes  Maß  Kauderwelsch,  (Pludder),  eine
barbarische  Sprache,  ein  ausgemachtes  Rotwelsch  (kragemaal,  eigentlich
  Krähensprache).“

Über  einen  solchen  Ausbruch  von  Haß  und  Ignoranz  braucht
man  kein  Wort  zu  verlieren.  Zu  bedauern  ist  aber,  daß  auch  wirkliche
Forscher,  die  über  die  jütische  Mundart,  mögen  sie  sie  auch  für  echtes
Dänisch  halten,  doch  ein  richtigeres  Urteil  haben,  in  bezug  auf  das
anglische  Plattdeutsch  in  diesen  Ton  einstimmen.  Während  sie  dieses
für  eine  Mischsprache  erklären,  ist  ihnen  die  jütische  Mundart,  die  sie
dänisch  nennen,  von  ganz  besonderer  Reinheit  und  hat  eine  Menge
altnordischer  Wörter,  Ausdrücke,  Formen  u.  a.  bewahrt,  die  aus  der
dänischen  Literatursprache  längst  entschwunden  sind.  Eine  eigentliche
Mischsprache  hat  es  nun  im  Schleswigschen  niemals  gegeben  und  gibt
es  auch  heute  nicht.  Wenn  auch  in  den  zweisprachigen  Gegenden
Wörter  und  Redensarten  von  einer  Mundart  in  die  andere  übergingen,
so  blieb  der  eigenartige  Charakter  jeder  Mundart  doch  immer  unversehrt;
  auch  wußten  die  Leute  beide  sehr  wohl  auseinanderzuhalten  und
waren  sich  ihres  Gegensatzes  vollkommen  bewußt.  Dies  gilt  von  dem
Niederdeutschen  in  demselben  Maße  wie  von  dem  Jütischen,  solange
beide  in  Angeln  nebeneinander  gesprochen  wurden.  Um  nun  von  dem
anglischen  Niederdeutsch  der  älteren  Zeit  ein  Bild  zu  geben,  teilen  wir
zunächst  eine  Stelle  aus  Firmenich  mit,  worin  Angeln  und  die  Angler
mit  ihrer  Sprache  im  Anfang  der  vierziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts
  von  einem  kundigen  Einheimischen  in  durchaus  richtiger  Weise
geschildert  werden,  um  dann  eine  noch  ältere  Sprachprobe  des  Nieder-