448  H.  Die  dänischen  Sprachreskripte  vom  Jahre  1851  und  ihre  Folgen.

Bedeutung  war.  Wer  das  Volkstum  näher  kennt,  weiß,  daß  nichts
so  sehr  bezeichnend  dafür  ist,  als  die  Kinderreime,  die,  von  Geschlecht  zu
Geschlecht  getragen,  in  ihrem  Munde  immer  zu  neuem  Leben  erwachen
und  ein  fröhliches  Gedeihen  führen.  Nichts  zeigt  auch  hier  so  sehr,  wie
stark  das  niederdeutsche  Wesen  in  das  Volk  gedrungen  war.  Wer
fühlte  sich  nicht  in  ein  Sachsenland  versetzt,  wenn  er  die  Kinder  anstimmen
  hörte  mitten  in  der  Zeit  des  Sprachzwangs:
Hopp.  hopp  hawerman!
trekk  din  vatters  steweln  an,

oder  Arebar  (Adebar),  langbeen?  Oder  wenn  sie  jenes  uralte  niedersächsische
  Gebet  an  die  Sonne  richteten:

Regen,  regen,  rusch!  Süon,  Sünn,  komm  werrr'r
De  kö  de  gahn  to  busch.  mit  din  gele  ferrrr,
Lat  de  [den]  regen  öwergahn,  mit  din  gele  strabl
lat  de  kö  tum  tun  utgahn.  beschin  uns  altomal:

Lat  de  sünn  werrekam’n.
oder  wenn  sie  zu  Weihnachten  und  Neujahr  jenes  in  ganz  Norddeutschland
  verbreitete  Rummelpottlied  in  folgender  Form  sangen?

Fru,  mak  de  dör  op,  Botsmann,  wist  du  striken.
de  rummelpott  will  in,  sott  dat  segel  op  de  (den)  topp
Da  kommt  en  schipp  von  Holland,  un  gif  mi  wat  in  de  sden]  rummel--dat
  hett  so'n  gude  sguden]  wind.  pott  usw.

Schipper,  wist  du  wiken,

Wie  war  es  denkbar,  daß  daneben  ein  jütisches  Volkstum  in
Angeln  Bestand  haben  konnte?

Wie  schon  oben  bemerkt,  beschränkte  sich  das  Jütische  damaliger
Zeit,  soweit  es  noch  vorhanden  war,  auf  die  Sprache  des  täglichen
Lebens;  ihm  fehlten  alle  Bezeichnungen  für  höhere,  insbesondere  abstrakte
  Begriffe.  Eben  darin  trat  es  auch  gegen  das  Niederdeutsche
zurück,  das,  seit  dem  15.,  16.  und  17.  Jahrhundert  durch  den  amtlichen
Gebrauch  in  Verwaltung,  Gericht  und  Kirche  und  seit  dem  17.  und
18.  Jahrhundert  z.  T.  auch  durch  die  Schule  zu  einer  höheren  Sprache
ausgebildet,  allmählich  zur  Volkssprache  geworden  war.  Aus  dem

1)  L.  R.  Tuxen:  Det  plattydske  Folkesprog  i  Angel  1857.  74  fl.  teilt
diese  und  andere  Kinderreime  mit,  merkwürdigerweise  in  dänischer  Orthographic,
wodurch  sie  einen  ganz  fremdartigen  Anstrich  bekommen;  über  die  Bedeutung
dieser  Reime  für  das  Volkstum  ist  er  anscheinend  völlig  im  unklaren.