Die  anglische  niederdeutsche  Bolkssprache.  449

Erlernen  dieser  älteren  niederdeutschen  Amtssprache  mögen  sich  auch
mancherlei  sprachliche  Eigentümlichkeiten  erklären,  die  im  Anfang  des
vorigen  Jahrhunderts  noch  mehrfach  hervortraten,  um  1840  —48
aber  nur  im  Norden  mehr  erhalten  waren,  heute  längst  vor  den  gewöhnlichen
  holsteinischen  Formen  verschwunden  sind.  Wenn  man  sich
nun  für  berechtigt  hält,  jütische  Worte,  die  ursprünglich  allen  mit  dem
Jütischen  verwandten  nordischen  Sprachen  gemeinsam  sind,  auf  altnordischen
  oder  altdänischen  Ursprung  zurückzuführen,  so  kann  man
mit  demselben  Rechte  z.  B.  das  ältere,  heute  hier  längst  verschwundene
sk  für  sch  auch  aus  dem  älteren  Niederdeutsch  herleiten.  Andere  Besonderheiten,
  wie  das  Fehlen  des  Akkusativs  des  Maskulinums  z.  B.
de  man  sloch  de  hund  (für  den  hund)  ober  ik  will  mit  de  (den)
toch  u.  a.,  gehören  nicht  bloß  dem  anglischen  Niederdeutsch  an,  sondern
sind  in  ganz  Südschleswig  ebenso  wie  in  den  früher  friesischen  Gegenden,
selbst  bis  nach  Tondern  hinauf,  verbreitet.  Von  mancherlei  Redensarten
  und  Ausdrücken  abgesehen,  wie  de  hiere  und  de  dore,  woran  man
den  Schleswiger  sofort  erkennt,  ist  es  neben  der  scharfen  Aussprache  des  s
ganz  besonders  der  ganze  Tonfall  der  Sprache,  der  als  eine  Überlieferung
  aus  der  früheren  jütischen  Zeit  das  anglische  Niederdeutsch
auch  noch  heute  vor  dem  holsteinischen  auszeichnet.  Was  sonst  in
jener  Zeit  des  Sprachkampfes  als  jütische  Erinnerungen  betrachtet
ward,  beruht  z.  T.  auf  Unkenntnis  des  damals  üblichen  holsteinischen
Niederdeutschen.1)  Richtig  ist  aber,  daß  in  das  anglische  Niederdeutsch
im  Gegensatz  zu  älteren,  oben  mitgeteilten  Urkunden  im  Laufe  des

1)  Auch  Tuxen  ist  nicht  davon  freizusprechen,  da  seine  ganze  Darlegung
sich  nur  auf  ältere  Quellen,  wie  Schützes  Idiotikon  (1800  —  1802),  Bremisches
Wörterbuch  1765—  1772  u.  a.,  niemals  auf  die  niederdeutsche  Sprache  gründet,
wie  sie  zu  seiner  Zeit  in  Holstein  gesprochen  ward.  Allen  gar  hält  Redensarten
wie:  Ik  wer  nich  gud  to  mod'’,  da  ward  nix  van,  dar  wet  ik  nix  von,  he
sücht  gud  ut  u.  a.  für  jütischen  oder  dänischen  Ursprungs.  Was  N.  Andersen
(Sproglige  Andringer,  Sönderj.  Aurb.  1901.  1—40)  über  die  Volkssprache  in
Angeln  ausführt,  ist  ganz  vergnüglich  zu  lesen;  nur  scheinen  seine  Kenntnisse
der  heutigen  plattdeutschen  Sprache  nicht  besonders  gründlich  zu  sein;  es  geht
ihm  wie  allen  dänischen  Gelehrten,  die  nur  das  ältere  Literaturniederdeutsch  der
Urkunden  kennen  und  des  heutigen  Plattdeutschen  absolut  nicht  mächtig  sind.
Ganz  gewöhnliche  niederdeutsche  Ausdrücke  werden  daher  noch  immer  zu  jütischen
oder  dänischen  gemacht.

Sach,  Das  Herzogtum  Schleswig.  III.  29