H.  Die  dänischen  Sprachrestripte  vom  Jahre  1851  und  ihre  Folgen.  453

die  Bevölkerung  ausgeübt  hätten,  wenn  sie  jahrzehntelang  gedauert,
ob  wirklich  in  Angeln  ein  neues  dänisches  Volkstum  entstanden  wäre,
aufgebaut  auf  der  neubelebten  jütischen  Mundart  und  der  dänischen
Literatursprache  in  Kirche  und  Schule,  wie  eiderdänische  Stimmen
behaupten,  ist  eine  müßige  Frage,  auf  die  keine  geschichtliche  Forschung
eine  Antwort  erteilt.  Damals,  im  Anfang  der  sechziger  Jahre,  mußte
jeder  Besonnene  erkennen,  daß  die  Arbeit  bis  dahin  so  gut  wie  erfolglos
  geblieben  war  1);  aber  man  lebte  in  Illusionen,  täuschte  sich  völlig
über  den  Volkscharakter,  und  war  blind  gegen  alles,  was  wirklich  in
dem  anglischen  Volksleben  in  der  Stille  vor  sich  ging.  Es  ist  eine
anerkannte  Tatsache“,  sagt  Adler  mit  Recht,  „daß  die  deutsche  Sprache
in  diesen  gemischten  Distrikten  in  den  13  Jahren  des  dänischen  Sprachzwangs
  von  1851—  63  mehr  Terrain  gewann  als  in  den  vorhergegangenen
  100  Jahren.“  Diese  eigenartige  Erscheinung  verdient  um
so  mehr  eine  besondere  Beachtung,  als  sie  in  den  letzten  Jahrhunderten,
wenigstens  für  das  Niederdeutsche,  kaum  ein  Analogon  findet.

Man  erinnere  sich,  wie  Angeln  größtenteils  seit  der  Reformationszeit
  bereits  zweisprachig  war,  wie  an  die  völlige  Herrschaft  der
niederdeutschen  Sprache  die  Prediger  und  Lehrer  seit  dem  Ende  des
18.  Jahrhunderts  angeknüpft  hatten,  um  im  Interesse  der  hochdeutschen
Schul=  und  Kirchensprache  die  Eltern  zu  bewegen,  mit  ihren  Kindern
sich  des  Niederdeutschen  zu  bedlenen.  Diese  Bewegung  hatte,  wie  wir
gesehen,  einen  weiten  Umfang  gewonnen,  auch  nach  dem  Zeugnis  des

1)  „Die  Eltern  schicken  zwar“,  schreibt  ein  dänischer  Schullehrer  jener  Zeit,
„ihre  Kinder,  soweit  sie  nicht  die  Mittel  haben,  sie  auswärts  unterzubringen,
zur  Schule,  weil  sie  sonst  hart  gestraft  werden,  aber  damit  hört  ihre  Teiluahme
auch  auf.  Ich  habe  die  ruhigen  und  gemäßigten  wiederholt  gebeten,  sich  doch
der  Kinder  wie  früher  zu  Hause  anzunehmen:  aber  sie  erklärten,  sie  verständen
nichts  von  der  dänischen  Sprache  und  würden  nie  etwas  davon  wissen  wollen.
—  Und  die  Kinder!  Ja,  es  ist  ein  Jammer.  Wenn  wir  10  Jahre  uns  mit
ihnen  die  größte  Mühe  gegeben,  sie  hier  in  der  Schule  dänisch  gelehrt  und  alles
auf  dänisch  unterrichtet  haben,  so  werfen  sie,  sobald  sie  konfirmiert  sind,  buchstäblich
  die  dänischen  Bücher  ins  Feuer  und  sprechen  kein  Wort  dänisch  mehr.
Sie  geben  sich  ordentlich  Mühe  zu  vergessen,  was  sie  gelernt  haben,  und  wenn
ihnen  die  intellektuelle  Bildung  auch  natürlich  bleibt,  so  ist  doch  von  einem
Fortbauen  auf  der  in  der  Schule  empfangenen  Grundlage  wie  früher  nicht  mehr
die  Rede.“