454  H.  Die  danischen  Sprachrestripte  vom  Jahre  1851  und  ihre  Folgen.

oben  angeführten  Minoritätsvotums,  ohne  wenigstens  bis  in  die  vierziger
  Jahre  hinein  einen  politischen  oder  nationalen  Charakter  anzunehmen.
  In  Mittel=  und  Nordschleswig  war  es,  wie  wir  erfuhren,
deswegen  auch  vielfach  noch  Sitte  gewesen,  nach  der  Konfirmation  im
gewöhnlichen  Leben  zu  der  Sprache  der  Alten,  d.  h.  zu  der  jütischen
Mundart  überzugehen.  Je  höher  indes  die  politischen  und  nationalen
Wogen  stiegen,  seit  dem  Jahre  der  Erhebung  und  insbesondere  infolge
des  Sprachzwangs,  wobei  die  bisher  so  friedsame,  seit  alters  überkommene
  jütische  Mundart  plötzlich  zu  einer  national  dänischen  gestempelt
  ward,  mit  der  notwendigerweise  auch  eine  dänische  Gesinnung
verbunden  sein  müsse,  desto  mehr  ward  auch  die  Ubung  der  Mundart
  in  den  nationalen  Streit  hineingezogen.  Mit  einem  Worte:  Wer
in  Mittel=  und  Nordangelu  deutsch  gesinnt  war,  redete  sortan  nur
plattdeutsch,  und  wo  die  Kinder  bisher  wieder  nach  der  Konfirmation
jütisch  gesprochen  hatten,  fuhren  sie,  um  ihre  deutsche  Gesinnung  zu
bezeugen,  fort,  auch  später  nur  plattdeutsch  zu  reden.  1)  Daraus  erklären
  sich  denn  auch  die  ewigen  Klagen  der  dänischen  Berichterstatter,
die  Leute  verständen  alle  „dänisch“,  aber  sie  wollten  es  nicht  reden;
daraus  begreift  es  sich,  wie  in  dem  Angenblicke,  wo  die  Decke,  die
über  das  Land  ausgebreitet  lag,  hinweggezogen  ward,  ein  gänzlich
verändertes  Bild  zum  Vorschein  kam.  In  den  Jahren  1864  und  1865
habe  ich  von  vielen  beteiligten  jüngeren  und  älteren  Leuten  des  mittleren
  und  zum  Teil  des  nördlichen  Angelns  mir  diesen  merkwürdigen
sprachlichen  Vorgang  schildern  lassen;  alle  waren  einstimmig  darüber,
daß  die  Einführung  der  dänischen  Kirchen=  und  Schulsprache  das  Grab
der  jütischen  Mundart  geworden  sei;  alle  erklärten,  ohne  den  sprachlichen
  Druck  und  die  nationale  Betonung  der  Mundarten  würde  das
Jütische  seine  Stellung  neben  dem  Plattdeutschen  noch  länger  behauptet

1)  Der  Angelbo  weiß  1860  (Provindsialelter.  4.  353)  von  diesem  völligen.
Umschlag  in  dem  Kirchspiel  Grundhof  zu  berichten;  er  erzählt  von  dem  Haß
der  Leute  gegen  dic  „däuische  Sprache“;  in  einem  der  nördlichen  Kirchspiele
Angelus  sollen  sie  sich  nach  ihm  durch  Handschlag  verpflichtet  haben,  nicht  mehr
„dänisch“  d.  h.  die  jütische  Mundart  zu  sprechen.  In  einem  Kirchdorse  wollte
man  den  Geistlichen  bei  ciner  Durchreise  des  Königs  im  Jahre  1858  nicht  dänisch
reden  lassen,  ließ  deswegen  die  Glocken  mit  aller  Macht  läuten;  als  aber  ein
„  forulykket  subjekt  vortrat,  um  ein  paar  deutsche  Worte  zu  sprechen,  da
schwicgen  auf  einmal  die  Glocken.