460  I.  Die  nationale  und  sprachliche  Entwickelung  seit  1864.

Eltern  doch  dänischen  Konfirmationsunterricht  erhalten  können?  Wie
lange  sollte  der  Grundsatz  sestgehalten  werden,  daß  in  Gemeinden  mit
dänischer  Kirchensprache  dieser  Kirchensprache  auch  dänische  Konfirmation
entsprechen  müsse,  auch  wenn  die  Kinder  nur  deutschen  Religionsunterricht
  erhalten  hatten?  War  es  nicht  ein  völliger  Widerspruch  mit  der
ganzen  bisherigen  Entwickelung  der  Kirchensprache,  wo  diese  den  Religionsunterricht
  in  den  Schulen  und  den  Konfirmationsunterricht  bestimmt
  hatte,  wenn  jetzt  voraussichtlich  in  Zukunft  umgekehrt  die  Schulsprache
  die  Konfirmationssprache  und  beide  zusammen  in  der  Folge  die
Kirchensprache  bestimmen  würden?  Merkwürdig  ist  es  nun  zu  sehen,
wie  der  Kampf,  den  die  Geistlichkeit  im  18.  Jahrhundert  nach  Einführung
  der  hochdeutschen  Kirchensprache  in  Mittelschleswig  und  in  den
Städten  durchgefochten  hatte,  sich,  wenn  auch  in  geringerem  Maße  und
in  anderen  Formen,  wiederholte.  Damals  forderte  sie  grundsätzlich,
daß  die  Schulsprache  d.  h.  der  Katechismusunterricht  sich  nach  der
Kirchensprache  richten  müsse,  bekämpfte  zugunsten  des  hochdeutschen  Konfirmationsunterrichts
  und  der  hochdeutschen  Predigt  mit  dem  äußersten
Nachdruck  jeden  mundartlichen  Unterricht  in  den  Schulen;  jetzt  verlangten
  zahlreiche  Geistliche  nach  demselben  Grundsatze  zum  besseren
Verständnis  der  dänischen  Bibel,  des  dänischen  Gesangbuches,  des
dänischen  Katechismus  sowie  im  Interesse  des  dänischen  Konfirmationsunterrichts
  und  der  dänischen  Predigt  außer  dem  gewährleisteten  dänischen
  Religionsunterricht  noch  eine  größere  Unterweisung  in  der  dänischen
  Sprache  selbst.  Ihr  Wunsch  gründete  sich  auf  der  Erfahrung,
daß  die  jütische  Volksmundart,  der  alle  höheren  abstrakten  Begriffe
fehlen,  nicht  im  entferntesten  fähig  sei  diese  Dienste  zu  leisten  und  ein
besonderer  Sprachunterricht  in  der  dänischen  Literatursprache  hinzutreten
  müsse,  um  den  dänischen  Konfirmationsunterricht  ersprießlich  zu
machen.  Dabei  berührte  sich  ihr  einseitig  kirchlicher  Standpunkt  prinzipiell
  in  keiner  Weise  mit  den  Bestrebungen  der  nationaldänisch  gesinnten
  Partei,  aber  es  war  begreiflich,  daß  diese  den  kirchlichen  Widerstand
  für  ihre  besonderen  Zwecke  auszunutzen  suchte.

Die  Stellung  der  dänischgesinnten  Partei  erklärt  sich  aus  einer
Anschauung,  die  seit  mehr  als  zwei  Menschenaltern  nach  und  nach  zu  einer
Art  Glaubensartikel  geworden  ist.  Indem  sie  die  deänische  Literatursprache
  mit  der  jütischen  Mundart  identifiziert  und  sie  damit  zu  dem