Die  dänische  Literatursprache  und  das  jütische  Volkstum.  461

Range  einer  Muttersprache  erhoben  hat,  fand  sie  eine  willkommene
Gelegenheit,  die  Muttersprache  in  Gefahr  zu  erklären  und  die  gläubige
Bevölkerung  zu  deren  Verteidigung  aufzurufen.  Bewegte  sie  sich  dabei
auch  in  völligen  Widersprüchen  mit  sich  selbst,  so  machte  ihr  dies  doch
um  so  weniger  Kummer,  als  die  Deutschen  auch  fortfuhren,  statt  von.
dänischgesinnten,  aber  jütischredenden  Bewohnern  nur  von  Dänen  und
dänischer  Sprache  in  Nordschleswig  zu  reden.  Daß  „Südjüten  in
dem  Lande  Südjütland  mit  jütischer  Volkssprache",  wie  ein  dänischer
Gelehrter  einmal  sagt,  nationale  Dänen  sein  sollen  und  eine  politische
Gesinnung  allein  ein  Volkstum  ausmache,  ist  nichts  als  eine  Fiktion,
die  sich  aber  in  hohem  Grade  politisch  ausbeuten  und  in  nationaldäuischem
  Interesse  verwerten  läßt.  Die  dänische  Literatursprache  ist
niemals  die  Muttersprache  der  nordschleswigschen  Landbevölkerung  gewesen
  und  ist  es  auch  heute  nicht;  ihre  althergebrachte  Muttersprache
ist  die  jütische,  und  diese  wird  weder  durch  die  hochdeutsche  Amtssprache
  noch  durch  die  hochdeutsche  Schulsprache  im  geringsten  bedroht
oder  geschädigt,  wie  alle  Geschichte  selt  den  letzten  Jahrhunderten  beweist;
  geschädigt  wird  allein  die  dänische  Literatursprache,  und  diese
Erkenntnis  bildet  den  eigentlichen  tieferen  Grund  der  ganzen  Erregung.
Die  dänische  Literatursprache  ist  in  Nordschleswig  der  eigentliche  Träger
einer  nationaldänischen  Gesinnung;  tritt  sie  zurück,  so  wird  damit
auch  der  dänischen  Bewegung  der  Boden  entzogen.  Alle  Bestrebungen
laufen  deshalb  auch  dahin  hinaus,  sie  zu  stärken  oder  zu  verbreiten.
Eigentümlich  ist  es,  wie  man  sich  dabei  der  jütischen  Mundart  gegenüber
  verhält;  wenn  man  die  „Dänen“  im  Herzogtum  Schleswig  nach
ihrer  Sprache  zählt,  dann  ist  sie  echt  dänisch  von  altem  nordischem
Stamme:;  handelt  es  sich  aber  um  Förderung  der  dänlschen  Kirchenund
  Schulsprache,  dann  verleugnet  sie  ihre  dänische  Natur,  ist  so
fremdartig,  daß  kein  Nationaldäne  sie  verstehen  kann,  wie  dies  Graf
Schack  vor  einer  Reihe  von  Jahren  einmal  auf  der  Gesamtsynode  in
Rendsburg  an  Beispielen  darlegte.  Will  man  in  Nordschleswig  von
einer  Bedrängung  der  Muttersprache  reden,  daun  ist  es  nicht  die
hochdeutsche,  sondern  die  dänische  Literatursprache,  die  diese  Aufgabe
übernommen  hat;  sie  ist  es,  die  die  jütische  Mundart  am  stärksten
beeinflußt,  sie  ist  es,  die  an  deren  Stelle  als  Muttersprache  zu  treten
sucht,  sie  ist  es,  die,  wie  einst  vergeblich  in  Angeln,  auf  „jüti-