462  I.  Die  nationale  und  sprachliche  Entwickelung  seit  1866.

schem  Boden  ein  neues  dänisches  Volkstum“  aufbauen  soll;  diesem
Zwecke  dient  die  gesamte  dänische  Presse  mit  ihrer  Verherrlichung
alles  dänischen  Wesens,  ihm  dient  „der  Verein  zur  Erhaltung  der
dänischen  Sprache“,  der  mit  dänischen  Liederbüchern,  Lesebüchern,  Volksbibliotheken
  u.  a.  m.  arbeitet,  ihm  dient  der  „Schulverein“,  der  nordschleswigsche
  Zöglinge  auf  nationaldänische  Lehranstalten  schickt,  ihm
dienen  die  dänischen  Freigemeinden,  der  Wahlverein  und  zahlreiche
andere,  selbst  Ringreitervereine,  alle  verfolgen  unter  dem  Schutze  einer
freiheitlichen  deutschen  Gesetzgebung  nur  den  einen  Zweck,  deänische
Sprache  und  damit  dänische  Gesinnung  zu  fördern.  1)  Man  kann  sich  nicht
darüber  wundern,  wenn  all  dieses  nicht  bloß  an  den  südjütischen“
Vereinen,  sondern  auch  an  Nationaldänen  im  Königreich  eine  starke
Stütze  findet.  Nachdem  Dänemark  auf  ein  kleines  Sprachgebiet  beschränkt
  ist  und  auch  Norwegen  größtenteils  sprachlich  verloren  hat,
sucht  man  zu  retten,  was  noch  zu  retten  ist.  Ausgesprochenermaßen
beruht  die  Förderung  dieser  nationalsprachlichen  Bemühungen,  wenigsiens
  in  den  gelehrten  und  gebildeten  Kreisen,  wesentlich  auf  dem
Gedanken,  nach  endgüliigem  Verlust  von  Mittelschleswig  wenigstens
im  Norden,  auch  mit  Hülfe  der  Optanten  und  deren  Nachlommen,  ein
jütisches  Dänentum  solange  als  möglich  gewissermaßen  als  Vorposten
zu  erhalten,  um  ein  seltsamerweise  gefürchtetes  siegreiches  Vordringen

1)  Die  seit  1890  in  größerem  Maßstabe  vollzogene  Aufnahme  von  Optanten
in  den  preußischen  Untertanenverband  hat  in  deutschen  Kreisen  besonders  deswegen
  große  Mißstimmung  erregt,  weil  man  davon  eine  bedeutende  Stärkung
des  Dänentums  fürchtete,  zu  gleicher  Zeit  aber  auch  die  bedeutsame  Folge  gehabt,
  daß  alle  Deutschen  sich  nach  und  nach  in  dem  entstehenden  „Deutschen
Verein“  zusammenschlossen.  Die  üble  Wirkung  zeigte  sich  besonders  bei  der
Reichstagswahl  v.  J.  1893,  wo  z.  B.  im  Wahlkreise  Hadersleben  —  Sonderburg
die  deutschen  Stimmen  um  83  abnahmen,  die  dänischen  dagegen  um  880  anwuchsen;
  in  diesem  Wahlkreise  waren  1890  —  93  im  ganzen  1123  dänische  Optanten
ansgenommen.  Seitdem  sind  durch  die  veränderte  Stellung  der  Regierung  und
die  Arbeit  des  Deutschen  Vereins  jene  Wirkungen  wieder  überwunden.  Eine  völlige
Rückkehr  zu  dem  früheren  System  würde  ganz  ohne  allen  Zweifel  dieselben
üblen  Folgen  haben,  einen  großen  Rückschlag  hervorrufen  und  alle  Errungenschaften
  auf  Jahre  hinaus  wieder  in  Frage  stellen.  Vor  aller  Augen  liegt,
daß  Dänuemark  seine  Optanten  nicht  aus  Schleswig  herauszichen  will,  weil
dann  das  Dänentum  hier  eine  bedeutende  Schwächung  erleiden  würde.  Trotzdem
  scheint  es,  als  wenn  Nordschleswig,  wie  seit  1864,  auch  in  Zukunft  noch
ein  Spielball  in  der  Hand  der  hohen  Politik  bleiben  soll.