Die  hochdeutsche  Sprache  und  das  jütische  Volkstum.  463

des  Deutschtums  über  die  Königsau  auf  Jahrhunderte  hinauszuschieben.


Hinter  diesem  alten  Streit  der  beiden  Literatursprachen,  der  sich
fast  seit  einem  Jahrhundert  bemerkbar  macht,  liegt  freilich  ein  ganz
anderer,  für  die  nationale  Entwickelung  des  Herzogtums  weit  bedeutsamer
  Kampf,  der  ganz  in  der  Stille,  weniger  beachtet,  in  völligem
Frieden,  ja  in  voller  Freundschaft  ausgefochten  wird.  Ehe  wir  jedoch
darauf  eingehen,  haben  wir  noch  die  Frage  kurz  zu  beantworten,  inwieweit
  die  hochdentsche  Sprache  nach  ihrem  völligen  Siege  Kraft
besitzt,  germanisierend  auf  die  Bevölkerung  zu  wirken.  Man  glaubt
vielfach  von  der  Einführung  der  hochdeutschen  Schulsprache  Wunderainge
  erwarten  zu  können;  sie  soll  nicht  bloß  deutsche  Gesinnung  erwecken,
  sondern  in  der  Folge  auch  Nordschleswig  endgültig  zu  einem
Stück  deutschen  Bodens  machen.  Die  Erlernung  des  Hochdeutschen  ist
nach  allgemeinem  Zugeständnis  für  die  nordschleswigsche  Bevölkerung
eine  zwingende  Notwendigkeit  geworden;  ganz  abgesehen  davon,  daß
die  gesamte  Amtssprache  in  Verwaltung  und  Gericht  dessen  Kenntnis
eordert,  sind  es  Handel  und  Wandel,  Verkehr  und  alle  materiellen
Interessen,  die  mit  Macht  nach  dem  Süden  ziehen.  Auch  begreifen
es  die  Einsichtigen  und  Besonnenen  unter  der  Bevölkerung  sehr  wohl,
wie  die  Kenntnis  zweier  Sprachen  zu  einer  höheren  geistigen  Bildung
führt  und  jeder  zweisprachige  dem  einsprachigen  überlegen  ist.  An
und  für  sich  fürchten  sie  auch  von  dem  Hochdeutschen  für  ihr  Volkstum
nichts,  nur  insofern  sind  sie  dessen  Gegner,  als  es  der  dänischen  Literatursprache
  Abbruch  tut.  Und  in  der  Tat,  die  hochdeutsche  Sprache  ist
nicht  dazu  berusen,  auf  dem  platten  Lande  zu  einer  Volkssprache  zu
werden,  die  nationaldeutsches  Volkstum  schafft;  sie  hat  dieses  auch  nicht
in  Mittelschleswig,  weder  in  Eidersted  noch  in  Angeln,  geschaffen.
Wohl  hat  sie  in  dem  verflossenen  Jahrhundert  nach  und  nach  in  den
größeren  Städten  wie  Flensburg  sich  eine  Stellung  errungen,  die
sie  in  weiten  Kreisen  zu  einer  Volkssprache  erhebt,  obwohl  auch  hier
noch  immer  der  gemeine  Mann  im  gewöhnlichen  Leben  die  Mundart
als  Mutterspache  bewahrt;  aber  in  den  kleineren  Städten  hat  das
Hochdeutsche  diese  Stellung  wenigstens  bis  jetzt  noch  nicht  in  gleichem
Maße  gewinnen  können,  weil  hier  die  Abhängigkeit  von  der  Mundart
  der  ländlichen  Umgebung  weit  nachhaltiger  wirkt  und  noch  lange