464  I.  Die  nationale  und  sprachiiche  Entwickelung  selt  1864.

nachwirken  wird.  Als  Kultursprache,  als  Sprache  der  Wissenschaft
und  aller  höheren  Bildung  hat  es  auf  dem  platten  Lande,  wie  jede
niederdeutsche  Landschaft  zeigt,  noch  weit  weniger  Aussicht  und  den
Beruf  jemals  eine  eigentliche  Volkssprache  zu  werden.  Man  hat  es,
wie  oben  (S.  423)  bemerkt,  früher  einmal  in  Angeln  bei  Einführung
der  hochdeutschen  Schulsprache  versucht,  aber  es  sehr  bald  als  gänzlich
erfolglos  wieder  ausgegeben.  Mag  auch  manch  einzelne  Familie  der
hochdeutschen  Familiensprache  huldigen,  auf  dem  platten  Lande  sind
nicht  die  Bedingungen  vorhanden,  die  selbst  in  den  kleinen  Städten
zu  ihrer  Förderung  dienen;  hier  treten  ihr  in  der  Mundart  Hindernisse
  entgegen,  die  sie  nicht  zu  überwinden  vermag.  Ebenso  wie  die  auglischen
  Kinder,  die  während  der  Schulzeit  niederdeutsch  redeten  und
später  zu  der  Sprache  der  Erwachsenen  zurückkehrten,  bleiben  auch  die
nordschleswigschen,  die  in  der  Schule  nur  hochdeutsch  gesprochen,  mit
einzelnen  Ansnahmen  später  der  Sprache  der  Eltern  getreu.
Vergleichen  wir  damit  die  dänische  Literatursprache,  so  trägt  sie
überall  dann,  wenn  sie  in  der  Überzeugung  gelernt  und  gesprochen
wird,  sie  sei  nichts  anderes  als  eine  höhere  feinere  Stufe  der  gewohnten
  jütischen  Mundart,  zur  Bildung  einer  dänischen  Gesinnung
und  eines  dänischen  Volkstums  in  hohem  Grade  bei.  Auf  dieser
Überzeugung  beruhten  ja  auch  alle  Maßnahmen,  die  die  dänische  Regierung
  mit  ihren  Sprachreskripten  vom  Jahre  1851  traf.  Die  hochdeutsche
  Sprache  ist  allerdings  auch  da,  wo  die  jütische  Mundart  nicht
als  nationaldänische  empfunden,  sondern  nur  als  bloße  Nebensprache
ohne  jegliche  nationaole  Bedeutung  betrachtet  wird,  wie  in  den  deutschgesinnten
  Gemeinden  Mittelschleswigs,  vorzüglich  berufen,  diese  deutsche
Gesinnung  zu  pflegen,  zu  stützen  und  zu  verbreiten,  und  sie  erfüllt  diese
Aufgabe  auch  in  immer  steigendem  Maße,  aber  sie  kann  das  Landvolk
trotz  deutscher  Gesinnung  nicht  zu  Nationaldeutschen  machen,  die  Germanisierung
  nicht  endgültig  sichern,  solange  dieses  nicht  als  Haus=  und  Familiensprache
  deutsche  Sprache  angenommen  hat.  Wie  die  ganze  nationale  und
sprachliche  Entwickelung  Angelns  zeigt,  wirkt  sie  nur  indirekt  auf  die
Bildung  eines  deutschen  Volkstums  ein  und  kann  dieses  direkt  ohne
Hülfe  der  Mundart  nicht  hervorrusen.  Wer  demnach  auf  den  hochdeutschen
  Landschulunterricht  so  weitgehende  Hoffnungen  setzt,  die  er
nicht  erfüllen  kann,  der  wird  sich  in  seinen  Erwartungen  betrogen  sehen.