Tie  sprachlichen  statistischen  Aufnahmen.  475

sind.  Von  dem  Friesischen  abgesehen,  unterscheiden  die  Zählungen  nicht
die  Mundarten,  setzen  das  Jütische  der  dänischen  Literatursprache
gleich  und  umfassen  mit  dem  Ausdruck  „Deutsch“  zugleich  Hochdeutsch
und  Plattdeutsch.  Es  mag  das  für  das  lehtere  gleichgültig  sein,
aber  um  so  mehr  ist  immer  wieder  zu  betonen,  daß  nun  ein  sehr  geringer
  Prozentsatz  der  nordschleswigschen  Bevölkerung  die  dänische
Literatursprache  redet  und  vielmehr  die  große  Masse  der  ländlichen
Bewohnerschaft  allein  die  jütische  Mundart  als  Haus-,  Familien=  und
Umgangssprache  kennt,  wie  diese  auch  von  dem  gemeinen  Mann  und
im  gewöhnlichen  Leben  in  den  kleineren  Städten  vorwiegend  geübt
wird.  Zu  allem  kommen  noch  die  verschiedenen  Grundsätze,  nach  denen
die  Zählungen  vorgenommen  werden.  Je  nachdem  man  die  Umgangssprache
  oder  die  Familiensprache  (Umgangssprache  mit  den  Kindern)
oder  die  Muttersprache  zugrunde  legt,  kommt  man  zu  ganz  verschiedenen
Ergebnissen.  Wie  verschroben  sich  die  Sprachverhältnisse  gestalten  können,
geht  am  besten  aus  der  dänischen  Schätzung  aus  den  Jahren  1884—1889
hervor.  Indem  sie  die  Umgangssprache  der  Bevölkerung  d.  h.  die  jütische
Mundart  zum  Maßstabe  nimmt  und  der  dänischen  Literatursprache  gleichsetzt,
  vermochte  sie  mit  ihren  Ansätzen  tief  in  das  niederdeutsche  Sprachgebiet
  vorzudringen,  wo  sich  noch  geringe  Reste  der  jütischen  Mundart
als  Nebensprache  vorfanden,  aber  niemand  etwas  von  der  dänischen
Sprache  versteht.  Dabei  die  weit  mehr  verbreitete  Kenntnis  des  Deutschen
in  dem  eigentlichen  Nordschleswig  beiseite  setzend,  brachte  sie  es  fertig
von  rund  160.000  „dänisch“  redenden  Nordschleswigern  zu  sprechen.  Die
amtlichen  Erhebungen  leiden  an  dem  Begriff  der  Muttersprache  jedes
einzelnen;  man  vermeidet  eine  Erläuterung  hinzuzusügen,  um  „keine
Fehlerquelle  zu  schaffen  und  die  Unbefangenheit  bei  der  Beantwortung,
als  durch  natioualpolitische  Erwägungen  beeinflußt,  nicht  in  Frage  zu
stellen“;  aber  eben  dadurch  wird  bei  jeder  Zählung  wider  Willen  eine
große  Unsicherheit  hervorgerufen.  Ich  kenne  Leute,  die  den  Begriff
ganz  wörtlich  nahmen  als  die  Sprache  der  Mutter,  und  einige,  die
friesisch  als  ihre  Muttersprache  bezeichnet  haben,  weil  ihre  längst  verstorbene
  Mutter  friesisch  gesprochen  habe.  Bei  der  Aufnahme  vom  1.  Dez.
1890  ist  mir  in  Hadersleben  eine  deutschgesinnte  Familie  vorgekommen,
die  deutsch  als  Muttersprache  angegeben  hatte,  während  sich  bei  näherer
Nachfroge  als  Haus=  und  Familiensprache  allein  die  jütische  Mundart